Die Flucht nach Deutschland

Vorwort

Dieser Teil knüpft an den ersten Teil „Das Leben in Syrien“ an. Falls Sie diesen noch nicht gelesen haben, können Sie den Beitrag unter folgendem Link finden: https://projekt-eindruck-le.de/der-brueckenbauer/

Wir verstanden die Welt nicht mehr“


Wie ging es dann weiter, nachdem ihr ins Auto gestiegen seid?

Yunus: Wir sind alle in den Libanon geflüchtet. Wir waren traumatisiert und verstanden die Welt nicht mehr. Nachdem wir angekommen waren, versammelten wir uns und unsere Unterhaltung bestand nun aus einer Frage: Was machen wir jetzt?

In diesem Moment hat für uns ungewollt ein neues Leben angefangen. Wir versuchten an den folgenden Tagen zu begreifen, wo wir gerade stehen und wie wir weiter machen. Im Laufe der Zeit verstanden wir dann, dass wir alles verloren hatten, dass wir wieder bei Null anfangen mussten. Wir hatten unsere Heimat ohne Hochschulabschluss verlassen, obwohl jeder von uns nur noch ein Jahr vor sich hatte und das war das praktische Jahr vom Medizinstudium.

Bildquelle: Wikimedia / Zentrum von Beirut (Hauptstadt Libanons)

Das hattet ihr ja eigentlich schon im Lazarett, auf den syrischen Straßen, absolviert.               

Yunus: Ja, aber wir konnten nicht mehr zurück. Viele von uns hatten vor in die USA zu fliegen, um den Abschluss zeitnah nachzuholen. Die medizinische Forschung ist in den USA, meiner Meinung nach, am fortschrittlichsten. Viele von uns hatten schon sehr früh Pläne gemacht. Aber ohne Abschluss kann man nicht in die USA einreisen und der Anerkennungsprozess ist genauso kompliziert wie in Deutschland. Der größte Unterschied zwischen diesen beiden Ländern ist aber der finanzielle Aspekt.

Für einen ausländischen Studenten wie mich könnte ein Studium über 100.000 Dollar im Jahr kosten. Eigentlich wollten meine Freunde und ich nach dem Abschluss sowieso in die USA fliegen und dort als Assistenzärzte arbeiten. So mussten wir erstmal nachdenken, recherchieren, Möglichkeiten suchen, was man überhaupt machen kann. Die Frage stand nun im Raum – wo kann man ohne viel Geld sein Medizinstudium fortsetzen? Unsere Familien sind ja nicht reich, wir konnten uns diese höheren Studienkosten überhaupt nicht leisten. Und viel Zeit hatten wir auch nicht. Im Libanon ist das Leben relativ teuer, auch wenn das Land an sich sehr arm ist. Es tobt dort nun auch schon lange ein Krieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Die libanesische Währung hat sich davon nie wieder erholt. Deswegen haben wir in dieser Zeit mit Dollar bezahlt.

Bildquelle: Pixabay

 „Ich habe es geschafft anderen zu helfen!“

Ich möchte auf einen Punkt zurückkommen. Ich konnte spüren, wie die Realisierung über den Ernst der Lage erst im Libanon kam. Ihr habt die Vorgänge in Syrien augenscheinlich erst sehr spät verarbeitet und konntet wahrscheinlich gar nicht begreifen, in welcher Gefahr ihr euch befunden habt. Sind diese ganzen Emotionen erst nach der Flucht möglich gewesen?

Yunus: Wir konnten damals in Syrien diese Emotionen nicht spüren, weil es da nur um das sofortige Handeln ging. Du hattest keine Zeit um die Sachen zu betrachten. Sich einfach mal zu fragen: Was passiert denn hier eigentlich? Mache ich das oder mache ich das nicht?

Wenn du das Blut auf den Straßen gesehen hast, veränderst du dich. Leute werden vor deinen Augen getötet – deine Freunde, deine Familie, deine Verwandten. Da hat man keine Zeit nachzudenken, da kann und muss man handeln. Es war Krieg und im Krieg hat man viele Emotionen, aber man kann sich nicht kurz hinsetzen und nachdenken. Es geht um Leben und Tod. Das ist der menschliche Instinkt, anders wäre es wahrscheinlich auch nicht machbar gewesen.

Das Projekt mit dem Lazarett ist gescheitert, kann man das so sagen?

Yunus (aufgewühlt): Gescheitert nicht, es hat funktioniert und es wurden viele Menschen gerettet. Wir haben viel geschafft, ich kann nicht zählen, wie vielen wir geholfen haben.

Bildquelle: Wikimedia / US-Truppen in Syrien (Dezember 2018)

„Es hat sich richtig komisch angefühlt“

Wie ging es dann für dich weiter?

Yunus: Ich bin circa sechs Monate lang im Libanon geblieben. In der Zeit habe ich eine Möglichkeit gesucht, wie ich studieren und gleichzeitig arbeiten kann. Mein Ziel war es, mein eigenes Geld zu verdienen und mein Studium selber zu finanzieren. Ich habe mich für Deutschland entschieden, weil diese Kriterien hier erfüllt wurden. Ich wusste nicht viel über Deutschland – nur, dass da die besten Autos der Welt produziert werden. Ich hatte gehört, dass die Deutschen eher kühl vom Naturell sind, einsam und zurückhaltend.

Bildquelle: Pixabay

Was genau meinst du mit einsam?

Yunus: Einsam im Sinne von zurückgezogen, isoliert. Ein relativ geschlossenes System. Ich fragte mich, wie komme ich nach Deutschland. Ich habe mich ganz genau informiert, was man als Syrer braucht, um nach Deutschland zu kommen. Aber ich wusste nicht, wie mich das geschlossene System aufnimmt.

Es gab viele Visa-Angebote, aber viele davon passten nicht zu mir. Oft war ein abgeschlossenes Studium oder das Beherrschen der deutschen Sprache Voraussetzung. Diese Voraussetzungen hatte ich ja noch gar nicht. Nach erfolgloser Suche habe ich mich entschieden, dass Visum in der Türkei zu stellen, in der deutschen Botschaft in Ankara. Diese Botschaft hat damals schon Studenten auch ohne abgeschlossenes Studium und ohne Sprachkenntnisse ein Visum angeboten. Also habe ich meine Sachen gepackt und bin hingeflogen. Nach dem Antrag im Büro der Botschaft habe ich dann drei Monate gewartet und viel gelesen. Ich habe mich natürlich auch ständig über die Lage in Syrien informiert und versucht noch einige Sachen zu klären.

„Was willst du? Warum bist du da?“

Yunus: Dann kam der Tag, an dem ich in der Botschaft vorsprechen konnte. Die Sachbearbeiterin saß hinter einer dicken Glasscheibe und hatte, um die Unterlagen einzureichen, einen Pförtnerschalter mit Schiebemulde. Sie hat mich komplett ignoriert und mir nicht einmal in die Augen gesehen – so als ob ich nicht da wäre. Auf einmal motzte diese Frau mich an: „Ich rufe dich auf wann ich will, setze dich da hin!“ Als sie so mit mir geredet hat, dachte ich, ich wäre im falschen Film. Ich war sehr schockiert von ihrer Art, weil ich das gar nicht erwartet hatte. Es hat sich wirklich furchtbar angefühlt, als ob man in einer feindlichen Einrichtung wäre.

Das Gefühl, dass man etwas Unrechtes getan hat?

Yunus: Ja, ganz genau! Es hat sich richtig komisch angefühlt. Nach mehreren Stunden Warten, rief sie mich dann auf und sagte: „Was willst du? Warum bist du da?“ Ich sagte ihr also nochmals, dass ich einen Antrag auf ein Visum stellen möchte. Ihre Reaktion war: „Warum? Warum willst du nach Deutschland?“ Ich habe ihr erzählt, dass ich Medizinstudent bin und nach Deutschland möchte. Des Weiteren habe ich sie informiert, dass ich bereits Sprachkurse in Deutschland gebucht und schon bezahlt habe. Das Geld was ich dafür schon gespart hatte, habe ich für die Kurse im Voraus bezahlt. Eine weitere Voraussetzung war, dass ich ein Sperrkonto anlege. Auf dieses Konto musste ich 8.700,00 Euro einzahlen.

Erklärung zum Sperrkonto: „Das Sperrkonto richtet sich an ausländische Studierende und dient als Nachweis finanzieller Mittel für einen Aufenthalt in Deutschland. Der Finanzierungsnachweis ist eines der Hauptkriterien für das Studentenvisum. Den Nachweis müssen Sie schon bei der Beantragung Ihres Visums in Ihrem Heimatland bei der Deutschen Botschaft vorweisen.“

„ Den Mindestbetrag und die monatlichen Ausgaben werden von BAföG (Bundesausbildungsförderungsgesetz) festgelegt. Dieser liegt im Moment bei 720 Euro pro Monat. Der minimale Betrag über den Sie verfügen müssen, um ein Jahr in Deutschland den Lebensunterhalt zu decken ist € 8.640 Euro.

 (Quelle: https://www.studieren-in-deutschland.org)

Bildquelle: Pixabay

„Sie hatte quasi mein Leben in der Hand“

Yunus: Ich habe ihr alles vorgelegt, auch das Schreiben von der Schule in Deutschland. Ich hatte auch einen Beleg, dass ich ein Zimmer in Deutschland gemietet habe. Dieses Zimmer wurde mir direkt von der Sprachschule angeboten und ich hatte den ersten Monat auch schon bezahlt, es war alles schon ganz genau vorbereitet.

Yunus (brennt sich angespannt eine weitere Zigarette an): Ich stand nun immer noch vor dieser dicken Glasscheibe und sie schaute meine Unterlagen durch. Sie sagte: „Warum stehst du immer noch da? Geh weg, setz dich da hin! Wenn ich dich brauche, rufe ich dich auf!“ Innerlich habe ich natürlich gekocht, aber ich musste mich beherrschen.

Sie hatte quasi mein Leben in der Hand. Der Antrag war mein Leben, es war halt einfach so.

„In diesem Moment war meine Welt komplett schwarz“

Yunus: Ich bin dann völlig aufgelöst zurück zu meiner Unterkunft gegangen. Ich habe versucht mein Leben so normal wie möglich weiterzuführen.

Nach vier Monaten war meine Geduld am Ende und ich habe der Botschaft eine weitere E-Mail geschrieben und nach weiteren vier Wochen ohne Antwort noch einmal. Dann bekam ich eine Ablehnung, diese war schon zwei Wochen nach meinem Antrag ausgestellt worden. In diesem Moment wurde Welt komplett schwarz.

Ich glaube, das kann jeder nachvollziehen. Was ging in diesem Moment konkret in dir vor?

Yunus: Ich fragte mich: Was soll ich jetzt machen? Ich habe die ganzen Voraussetzungen erfüllt und mein ganzes Geld ist in Deutschland. Was soll ich damit machen? Kann ich mein Geld zurückbekommen? Wie soll ich jetzt vorgehen? Es waren sehr schwierige Tage für mich.

Bildquelle: Pixabay

„Ich habe meine Sachen gepackt und bin losgefahren“

Yunus: Dann habe ich die Entscheidung getroffen, das Visum erneut zu beantragen. In Widerspruch zu gehen, kam für mich nicht in Frage. Wahrscheinlich hätte es Monate oder vielleicht auch Jahre gedauert, ein positives Ergebnis zu bekommen. Ich habe mich dann entschieden den Antrag ein zweites Mal zu stellen, aber diesmal nicht in der Botschaft, sondern in dem deutschen Konsulat in Istanbul. Ich habe meine Sachen gepackt und bin losgefahren.

In Istanbul ist es mir letztendlich gelungen einen Termin im deutschen Konsulat zu bekommen. Mittlerweile war alles knapp, vor allem die Zeit und das Geld. Nach einer kurzen Wartezeit kam der Tag. Ich kam in einen großen Saal, habe meine Dokumente abgegeben und gewartet. Es waren die gleichen, die ich der Botschaft vorgelegt hatte, ich hatte nichts daran geändert. Ich habe sie darauf aufmerksam gemacht, dass ich kein Deutsch spreche, sondern nur Englisch, Arabisch und Französisch, kaum Türkisch. Wir haben uns dann auf Englisch freundlich unterhalten.

„Warum wollen sie eine neue Sprache von Grund auf neu lernen?“

Yunus: Während wir redeten, ist die Konsulin vorbeigelaufen und hat gehört, dass wir auf Englisch sprechen. Sie hat kurz angehalten, ist zu uns gekommen und hat die deutsche Sachbearbeiterin anscheinend gefragt warum wir nicht auf Deutsch sprechen. Auf einmal ist meine Sachbearbeiterin aufgestanden und die Konsulin hat sich auf ihren Stuhl gesetzt. Sie wollte das Interview persönlich mit mir weiterführen und fragte mich: „Herr Othmann, sie können perfekt Englisch sprechen, Sie wollen Ihr Medizinstudium fortsetzen, warum in Deutschland? Warum nicht Australien, warum nicht in den USA, warum nicht Kanada? Dort können sie Englisch sprechen und ihr Studium fortsetzen. Warum wollen sie eine neue Sprache von Grund auf neu lernen?“

Ich antwortete: „Ich werde es Ihnen ganz ehrlich sagen, das Studium in den USA ist viel zu teuer für mich. Die anderen englischsprachigen Länder sind auch alle sehr teuer. Ich suche ein Land, in dem ich mein Studium eigenständig, mit einer Nebentätigkeit finanzieren kann.“ Sie sagte daraufhin nur noch: „ Herr Othmann, Sie haben die Fragen befriedigend beantwortet, ich danke Ihnen, das Sie hier gewesen sind. Bitte unterschreiben Sie dieses Formular und dann sind Sie für heute fertig. Sie bekommen innerhalb der nächsten zwei Monate eine Antwort von uns.“

Vier Wochen später bekam ich eine E-Mail und in dieser stand, das mein Visum bestätigt wird und ich eine Reisekrankenversicherung abschließen soll. Ich hatte mich darüber riesig gefreut und alles sofort in die Wege geleitet.

Bildquelle: Pixabay

Schon wenige Monate nach der Ankunft in Deutschland konnte Yunus, mit bemerkenswerten Fortschritten beim Lernen der deutschen Sprache, sein Umfeld überzeugen. Er fing an in einem Café zu arbeiten und  weckte das Interesse eines beeidigten Dolmetschers. Durch diesen Kontakt knüpfte Yunus an seine sprachliche Stärke an und konnte eine Prüfung als Sprach- und Kulturmittler erfolgreich absolvieren. Nebenbei schrieb er Bewerbungen an Universitäten und hatte nun insgesamt 2000,- Euro an Bewerbungskosten zu finanzieren, da jede mit beglaubigten Kopien verbunden war. Ende 2015 bekam er einen Studienplatz an einer medizinischen Fakultät und konnte sein Studium fortsetzen. Aus Geldmangel musste er dieses dann jedoch wieder abbrechen und fing an, für 10 Monate in einem Altenheim zu arbeiten.

Heute arbeitet er hauptberuflich als Sprach- und Kulturmittler und Übersetzer für die Sprachen Arabisch, Deutsch, Englisch. Er fühlt sich mittlerweile gut integriert und kann mit seiner aktuellen Tätigkeit auch anderen Menschen bei der Integration helfen.

Nachtrag

Um die Authentizität dieses Interviews so gut wie möglich zu erhalten, wurde der Text nur vereinzelt von der Redaktion bearbeitet. Die Wertungen, die in diesem Gespräch geäußert werden, spiegeln nicht unbedingt die Meinungen der Redaktion wieder. Bedingt durch den sehr großen Umfang, wurde dieses Interview in mehrere Teile gestaffelt.

*Name wurde von der Redaktion geändert

Der Brückenbauer - Teil 2
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