Wenn man die Leipziger fragt, welches Wahrzeichen unserer Stadt für sie das Bedeutsamste ist, bekommt man gewiss unterschiedliche Antworten. Für die Einen ist es das Völkerschlachtdenkmal, für die Anderen ist es die Red Bull Arena, und wieder andere lieben unseren Zoo. Nicht weniger bedeutsam ist jedoch die „Runde Ecke“ am Dittrich Ring. Ein historisches Gebäude, welches viele unterschiedliche Emotionen und Ereignisse verbindet. Wut, Trauer, Angst aber auch Hoffnung und den Wunsch nach wahrer Demokratie und Freiheit. Hier begann der friedliche Aufbruch in eine neue Zeit, die man später die „Wende“ nennen wird. Eine Zeit, die nicht nur Deutschland prägte und uns die Wiedervereinigung beschert hat, sondern auch weltweit einen politischen und wirtschaftlichen Wandel  auslöste.

Bildquelle: www.runde-ecke-leipzig.de


Ein historisches Gebäude entsteht

Alles begann im Jahre 1911, als der renommierte Leipziger Architekt Hugo Licht die Pläne für das Gebäude am Dittrich Ring entwarf. Der Entwurf sah einen Komplex vor, der aus zwei weit ausgreifenden Flügeln besteht, welche sich in einem zylinderförmigen Mittelbau treffen.  Wegen dieser markanten Form gaben die Leipziger dem Gebäude den Namen Runde Ecke, das Anfangs die Alte Leipziger Feuerversicherung als Firmensitz baute und für mehre Jahrzehnte nutzte.

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs errichtete die 1. US-amerikanische Armee am 18. April 1945 vorübergehend in der Runden Ecke ihr provisorisches Hauptquartier. Als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das besiegte Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt wurde, ging Leipzig am 2. Juli 1945 offiziell an die sowjetische Besatzungsmacht über. Ab 1950 wurde das Gebäude als Sitz der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in der damals neugegründeten DDR genutzt. Auch die Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei (DBVP) hatte hier ihre Dienststelle.

Mit der Zeit baute das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) das Gebäude am Dittrich Ring weiter aus. Im Jahre 1958 wurde der sogenannte Saalbau angegliedert, der eine Kegelbahn und einen Kinosaal beherbergte. Von 1978 bis 1985 wurde für ca. 65 Mio. DDR-Mark (circa. 7 Mio. Euro) das Gebäude nochmals durch einen Neubau, mit Anschluss an die Große Fleischergasse, umfassend vergrößert. Sehr zum Ärgernis der Leipziger, die den Sitz der Bezirksverwaltung des MfS in ihrer Stadt als Manifestation des Staatsterrors empfanden.

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Nutzung  durch die Staatssicherheit

Die Infrastrukturen innerhalb der Bezirksverwaltung waren weitestgehend autark. Die rund 800 Mitarbeiter hatten  Zugang zu einem eigenen Konsum Markt (der später 1985 mit in den Neubau umgezogen ist), einer Polyklinik, einer Bank, wie auch der eigene Kegelbahn und Sitzungssaal. Diese Einrichtungen dienten jedoch nicht nur dazu, den Mitarbeitern den Arbeitsalltag zu erleichtern, viel mehr dienten sie eher auch dazu, die eigenen Mitarbeiter zu überwachen, potenzielle Sicherheitsrisiken frühzeitig zu erkennen und , falls nötig, dagegen vorzugehen.
Ein Flügel des 4. Obergeschosses war nur für die Führungsriege des Leipziger MfS vorgesehen:  hier hatten nur der Bezirksleiter und seine engsten und handverlesenen Mitarbeiter Zutritt. Auch die Verbindungsoffiziere des KGB hatten ihr Büro am Dittrich Ring. Im Keller des Gebäudes befindet sich auch ein Luftschutzbunker, der damals circa 550 Menschen Platz bot, die dann im Krisenfall weiter hätten delegieren und kommunizieren können.

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Das Erbe einer Diktatur

Es änderte sich wiederum alles im Herbst 1989. Mutige Leipzigerinnen und Leipziger versammelten sich ab dem 4. September 1989 regelmäßig zu den sogenannten „Montagsdemonstrationen“, um für Freiheit und Demokratie sowie gegen das Wettrüsten zu demonstrieren. Rufe wie „Stasi raus!“ und „Wir sind das Volk“ wurden von Woche zu Woche immer lauter und gipfelten schließlich am Abend des 4. Dezember 1989 in der friedlichen Besetzung der MfS-Zentrale am Dittrich Ring. Dies war nicht ganz ungefährlich: denn auch die Bezirksverwaltung der Stasi in Leipzig hatte ihre eigenen Wachsoldaten, die die Besetzung ihrer Zentrale auch mit Gewalt hätten verhindern können. Doch zum Glück kam es nicht soweit.
Die damaligen Wachsoldaten erkannten die Situation, streckten die Waffen und warteten im Keller des Gebäudes das Ende der Ereignisse vom 4. Dezember ab.

Aber auch die Demonstranten auf den Straßen mussten mit dem Schlimmsten rechnen. Auch wenn es heute bestritten wird, dass es von der SED-Führung den Schießbefehl gab, erinnern sich manch andere an die Atmosphäre bei den finalen Montagsdemos.

Zeitzeuge Peter H. erinnert sich: „Ich wurde gerade erst aus der NVA (Nationale Volksarmee) entlassen und kannte die Vorbereitungen für eine gewaltsame Niederschlagung von Aufständen. Als die NVA-Soldaten vor Ort ihre Gewehre durchluden lief es mir kalt den Rücken herunter, ich wusste das es jederzeit knallen konnte!“

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Die „Runde Ecke“ heute

Um die Staatssicherheit weitestgehend  handlungsunfähig zu machen und von der Aktenvernichtung abzuhalten, wurde am selben Abend auch das Bürgerkomitee Leipzig gegründet. Heute sind die Aufgaben des Komitees vielfältig und jeder engagierter Bürger kann Mitglied des Komitees werden. Beschränkungen gibt es fast keine. Zwei Formen der Mitgliedschaft sind möglich: die Fördermitgliedschaft und die Vollmitgliedschaft. Die Vollmitgliedschaft beinhaltet ideelle und/oder materielle Unterstützung der Vereinsziele.

Die Außenstelle Leipzig der „Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“ (BStU) nutzt heute einen großen Teil des Gebäudes, um die in Leipzig erhaltenen Stasi-Akten aufzuarbeiten und zu archivieren. Es handelt sich dabei um zehn laufende Kilometer Akten. Jeder Bürger kann von der Behörde prüfen lassen, ob das MfS eine Akte über ihn führte und diese auch gegebenenfalls einsehen.

Des Weiteren beschäftigen sich die Mitarbeiter der Runden Ecke mit Sonderausstellungen und Führungen durch das Museum. Es ist mit circa 100.000 Besuchern jährlich das dritthäufigst besuchte Museum in Leipzig.
Leiter der Gedenkstelle ist Tobias Hollitzer. Sein Wunsch ist es, den Besuchern der Gedenkstelle die Einsicht zu vermitteln, dass die Arbeit des Komitees wichtig ist. Dabei geht es unter anderem darum, eine authentische Ausstellung zu gewährleisten, flächendeckend aufzuklären wie auch die Erinnerung an die SED-Diktatur und die friedliche Revolution zu erhalten. Besonders wichtig ist es Herrn Hollitzer, dass die Besucher der Gedenkstätte das komplette Bild der Vergangenheit sehen und sich nicht nur einzelne historische Ereignisse herauspicken.

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Für Interessenten gibt es hier weitere Infos  www.runde-ecke-leipzig.de

Die Runde Ecke: Vom Versicherungssitz zur Gedenkstelle
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