Herzlich willkommen zum letzten Teil unserer Reihe „Leipziger zur Zeit Napoleons“!

Letzte Woche lasen Sie den Bericht von Pfarrer enLudwig Wilhelm Gottlob Schlosser, in welchem er uns die dramatische Situation in und um Leipzig kurz vor Beginn der Völkerschlacht schilderte. Im Moment hat unser Pfarrer noch einige französische Soldaten in seinem Heim zu bewirtschaften, die sich anfangs etwas über ihn erbosten, sich aber dann noch als höfliche und vertrauenswürdige Gäste herausstellten. Die Zivilbevölkerung wie auch die Soldaten im Leipziger Gebiet spürten jeden Tag mehr, wie sich die Schlinge des Krieges immer enger um sie zuzog und alle Anzeichen darauf hindeuteten, dass ihnen allen eine immense Schlacht mit ungewissem Ausgang bevorstehen würde…


Pfarrer Ludwig Schlosser führte fort:
„Der 13. und der Vormittag des 14. waren ruhig, aber am Nachmittage hörten wir Kanonendonner, wie die Leute meinten, bei Liebertwolkwitz und Wachau. Am 15. holten Russen und Österreicher Lebensmittel und Futter, aber in geringen Mengen. Die Kosaken nahmen vier gute Pferde weg. Der Mangel an Branntwein setzte uns in Verlegenheit, denn alle fragten danach, besonders die Kosaken.
Am 16. Oktober hörten wir heftiges Schießen aus Kanonen und Gewehren, und wie wir hörten, war das die große Rekognoszierung① des Oberfeldherren, des Fürsten von Schwarzenberg, wodurch er die teils in der Stadt, teils in den Wäldern verborgenen Franzosen nötigen wollte, ihre Streitkräfte zu entwickeln, um ihre Stärke beurteilen zu können. Kosaken und Ungarn holten Lebensmittel und Futter und nahmen, was sie fanden.

Am 17. hörten wir kein Schießen, aber eine Menge Nachzügler plünderten in den Häusern und auf den Gassen und erpressten vom Richter, was sie konnten. Am 18. begann die große Völkerschlacht, deren eigentliches Feld zwar nicht bis zu uns reichte, von der wir aber doch auch einen gehörigen Teil zu kosten bekamen. Es lagerten sich nämlich eine starke Zahl Österreicher, die ich auf 6000 Mann schätzen hörte, neben unserem Orte nach Westen zu, nach unserem Dafürhalten, um die Franzosen zu hindern, wenn sie von Kleinzschocher her die Verbündeten umgehen und ihnen in den Rücken fallen wollten. Sie wurden kommandiert von General Czollich, zum Korps des Feldmarschalls Gyulai gehörend; er war, wie man erzählte, ein Kroate von Geburt und ein langer, stattlicher und gutmütiger Mann.“

Großer Kavallerieangriff bei Güldengossa am 14. Oktober 1813. Gemälde Ernst Wilhelm Strassberger (Quelle: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig)

Das Gefecht bei Liebertwolkwitz, auch Kavalleriegefecht bei Liebertwolkwitz oder Kavalleriegefecht bei Güldengossa genannt, war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Truppen der Sechsten Koalition und Einheiten der Grande Armée Napoleons im Süden von Leipzig am 14. Oktober 1813, zwei Tage vor Beginn der entscheidenden Völkerschlacht bei Leipzig.
Napoleon rückte während des Gefechtes mit seinen Einheiten weiter auf Leipzig vor. Er musste unbedingt Zeit gewinnen und seine Truppen konzentrieren, während er die Böhmische Armee so weit wie möglich vom preußischer Feldherrn Blücher fernhielt, um eine Vereinigung der feindlichen Streitkräfte zu vermeiden. Napoleons Instruktionen für Joachim Murat waren, die Verbündeten so lange wie möglich aufzuhalten, sich aber nicht in schwere Kämpfe verwickeln zu lassen.
Doch wie so oft entwickelt der Krieg seine eigene Dynamik und nimmt dabei nur wenig Rücksicht auf die ambitionierten Pläne der Genrealität. Am Ende der Schlacht betrugen die Gesamtverluste der Verbündeten 80 bis 85 Offiziere, zwischen 2.000 und 2.100 Mann sowie 600 bis 650 Pferde. Einzelheiten der französischen Verluste sind unzuverlässig, waren aber wahrscheinlich größer. Es ist bekannt, dass die Franzosen zwei Generäle und 96 Offiziere verloren hatten und die Österreicher rund 800 Gefangene machten.
Das Gefecht selbst endete fast ergebnislos und mit dem Abbruch der Kampfhandlungen seitens des österreichischen Feldmarschalls Schwarzenberg. Doch mit größerer Bestimmtheit hätte an jenem Tage die Sechste Koalition Murat eine Niederlage zufügen können und so möglicherweise die Völkerschlacht bei Leipzig zu einem schnelleren Ende gebracht.

Reitergefecht bei Liebertwolkwitz. Marschall Murat (im Vordergrund) entgeht der Gefangennahme. Gemälde von Richard Knötel (Quelle: Wiki Commons)

Pfarrer Schlosser schrieb weiter:

„Die Leute plünderten nicht weil der General gute Manneszucht hielt, auch brauchten sie kein Pferdefutter da es lauter Infanteristen waren; aber ihre Ernährung war sehr schwierig. Brot und Salz, Bier und Branntwein konnten wir ihnen nicht geben weil wir nichts davon hatten.
Aber Gemüse gab es genug auf dem Felde und Fleisch mussten wir ihnen liefern, einmal 13 Kühe an einem Tage, darunter meine letzte. Ein Prachtexemplar und unsere liebe Ernährerin, die wir mit großem Bedauern fortführen sahen.
Die Österreicher und Franzosen trieben einander hin und her, nahmen und verloren das Dorf drei Tage hintereinander…

Am 18. vormittags flogen Kanonenkugeln durch das Dach der Kirche und dies setzte meinen sehr furchtsamen Lehrer derartig in Schrecken, dass er mich flehentlich bat, mit ihm aus der Kirche zu gehen. Aber wohin?
»Nun, ich will Sie schon führen«, war seine Antwort.
Als wir aber die Kirchgasse hinuntergingen, pfiffen Flintenkugeln über unsere Köpfe hinweg, ohne dass wir Soldaten sahen, die wahrscheinlich auf beiden Seiten hinter den Lehmmauern verborgen lagen. In der Wassergasse flogen uns aber die Kugeln vom Ufer her gerade entgegen, so dass die Kinder auseinanderstoben und sich auf die Erde und in Winkel kauerten; wir Erwachsene wussten nicht, wohin wir uns wenden sollten. Da kam ein Bote von dem Pächter des Ritterguts, der mit eine Zuflucht in seinem Keller anbieten ließ. Eiligst begaben wir uns dahin und fanden wohl 50 Frauen und Kinder, ihn selbst, den guten Mann, aber mitten unter ihnen auf einem Bund Stroh sitzend. Er zeigte mir ein um sein krankes Knie gebundenes Taschentuch als den einzigen Rest seiner Wäsche und einen Kupferdreier② als den einzigen Rest seiner Barschaft.

Um den Schrank, wo er seine Papiere verwahrte, vor Plünderung zu schützen, hatte er sich eine österreichische Schutzwache erbeten, die aus drei Ungarn bestand und diesen 50 Taler gegeben.
Aber diese hatten kurz vor ihrem Abzug den Schrank mit Äxten aufgehauen, alle Papiere herausgerissen und auf die Diele verstreut. Als wir, nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, diese Papiere durchsuchten und ordneten, fanden wir alles Papiergeld, welches die Ungarn nicht gekannt hatten, wieder. Im Ganzen waren es 700 Taler!
Gegen vier Uhr nachmittags, als wir auf dem Oberboden des Schlosses waren, sahen wir auf der Seite von Schönau eine große Menge Soldaten ziehen, ohne alle Ordnung, auf der Straße und über die Felder hin. Wir konnten nicht erraten, zu welcher Partei sie gehörten, noch welche Absicht sie hatten, erfuhren aber später, dass es Franzosen waren, welche ihre Niederlage begreifend, sich der Engpässe bei Weißenfels zu bemächtigen eilten. Es war das Korps Bertrand③, welches von Napoleon vorausgeschickt wurde, um die Rückzugsstraßen frei zu halten. Der Kanonendonner dauerte ununterbrochen fort und war ganz anders als in anderen Schlachten.
Bei Saalfeld, bei Jena und bei Lützen hörte man einzelne Batterien feuern und zwischen dem Feuer der einen und dem der Anderen war eine kurze oder längere Pause. Hier aber gab es keine Pause, sondern man war wie zwischen den Stampfen einer Ölmühle, weil 1800 bis 2000 Feuerschlünde in unaufhörlicher Tätigkeit waren.“

Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg meldet den verbündeten Monarchen den Sieg in der Völkerschlacht bei Leipzig. Gemälde von Johann Peter Krafft, 1817, Heeresgeschichtliches Museum Wien. (Quelle: Wikipedia)

„Am 19. Oktober, an dem dieser Donner an uns näher heranrückte, wankten Mauern und Wände, so dass man sich davon entfernen musste, und viele Leute wurden so davon betäubt, dass sie sich kaum besinnen konnte, welche Tageszeit es war. Umso mehr, da jetzt alles fehlte, wonach man die Tageszeit ableiten konnte. Ganz zu schweigen von Arbeiten, Geschäften oder Mahlzeiten.
An diesem Tage war uns noch ein trauriger Besuch zugedacht. Es kam nämlich ein starkes Geschwader polnischer Reiter hereingestürmt und schien noch eine gründliche Untersuchung in Häusern und Ställen anstellen zu wollen.
Um aber sicher zu sein, erkundigten sie sich erst, ob Österreicher in der Nähe wären und wandten sich glücklicherweise zuerst mir ihren Fragen an den mehr erwähnten Meister Fleck, welcher es ihnen glaubhaft zu machen wusste, dass der ganze Wald von Österreichern besetzt sei. Sie hatten dies kaum gehört, als der Anführer durch Pfeifen auf dem Finger seine Leute zusammen rief, die nun in vollem Laufe über das Feld rannten, und zwar nach dem kleinen Dorfe Rehebach④ zu, wo sie den ganzen Schweinebestand, 80 Stück an der Zahl, geschlachtet und mitgenommen haben sollen.
Der immer stärker werdende und näherkommende Kanonendonner und das ebenfalls vernehmbar gewordene Kleingewehrfeuer gaben mir die Überzeugung, dass die Verbündeten Leipzig eingenommen und einen schweren aber vollständigen Sieg gewonnen hatten, und erfüllten mein Herz mit einer an Entzückung grenzenden Freude!“

Denkmal an der Leipnizstraße in der Leipziger Innenstadt (Quelle: Redaktion)

Es war geschafft. Mit vereinten Kräften konnte die Koalition gegen Napoleon den Sieg bei Leipzig erstreiten. Doch war damit der Krieg noch nicht beendet…
Nach der Völkerschlacht gab es auf dem Rückzugsweg der Franzosen noch weitere Scharmützel, insbesondere beim Verlassen der Stadt. Durch den chaotischen Rückzug aus Leipzig sprengten die Franzosen die letzte intakte Brücke Richtung Westen zu früh. Dadurch musste ein erheblicher Teil der Streitkräfte in Leipzig zurückgelassen werden und sich der Gnade der Sieger ausliefern.
 
Napoleon zog sich unterdessen komplett hinter den Rhein und nach Paris zurück, wartend auf die anrückenden Truppen der Koalition. In der Folge kündigten die Rheinbundstaaten Bonaparte die Gefolgschaft auf und an der spanischen Front rückte Wellington bis zur französischen Grenze vor.
Im Inneren Frankreichs regte sich erstmals seit langem öffentlicher Widerspruch gegen das Regime. Napoleon selbst wollte nochmal alles mobilisieren, was es an wehrfähigen Franzosen im Lande noch gab. Jedoch waren Napoleons Generäle des Krieges müde und drangen den Kaiser, sich ins Exil zu begeben- auch gegen seinen Willen, wenn es sein musste. Den nun hieß es, sich mit den Siegern gut zu stellen um, wenn auch nicht ganz uneigennützig.
Napoleon lenke schließlich ein und trat sein erstes Exil auf Elba⑤ an.

„Ich traue meinen Ohren nicht. Sie stehen vor mir, wedeln mit einem Stück Papier und sagen abdanken, abdanken… Ich will nicht! Ich will nicht, ich will nicht! Nein!“
Dies waren angeblich die Worte Napoleons, bevor er doch noch die Abdankungsurkunde auf Nachdruck seiner Generäle unterzeichnete. Der Rest ist Geschichte, jedoch aber nicht das Ende des Kaisers Napoleon und seinen überwältigenden Ambitionen…



Wir hoffen sehr, das Ihnen das Lesen dieses Berichts eben so viel Freude bereitet hat wie dem Autor das Schreiben. Denn die Geschichte Leipzigs ist ebenso interessant, wie auch bedeutsam, und sollte uns stets in Erinnerung bleiben!



Begriffserklärung

 
① (Erkundung, Identifizierung)
② (Ab 1763 für das mecklenburgische Münzsystem eingeführte Münze)
③ (Französischer General und einer der engsten Vertrauten Napoleons)
④ (Gemeinde südwestlich von Leipzig, heute Rehbach)
⑤ (Insel im Mittelmeer, gehörend zum Toskanischen Archipel)

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.