Teil 2: Die Globuswerke in Plagwitz wurden nach 20 Jahren saniert.

Mit den verschiedensten Reinigungs- und Poliermitteln werden die Globuswerke um 1900 schon deutschlandweit bekannt. Die Gründer der Fabrik, die Familien Schulz und von Philipp, gehören zu den erfolgreichsten Unternehmerfamilien Leipzigs.

Reklamemarke der Fritz Schulz jun. AG um 1900 (www.veikkos-Archiv.com)

 

Auch international strecken sie ihre Fühler aus: in den USA und in Großbritannien werden Tochterunternehmen gegründet. Während des 1. Weltkrieges beschlagnahmen diese jedoch die Kriegsgegner. Nach Kriegsende setzen sich die großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche in Deutschland fort. Nach einer kurzen wirtschaftlichen Erholung folgt 1929 erst die Weltwirtschaftskrise und 1933 beginnt die NS-Diktatur. Viele Leipziger Firmen sind frühzeitig Teil des Rüstungsprogrammes, so zum Beispiel die Plagwitzer Firma Rudolph Sack KG, die eigentlich Landmaschinen baut, aber 1934 schon MG-Wagen unter Geheimhaltung produziert. Während des Krieges beschäftigen viele Leipziger Betriebe auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Inwieweit dies bei den Globuswerken der Fall war, konnte bis zu dieser Ausgabe nicht durch die Redaktion recherchiert werden. Bei der Bombardierung Leipzigs durch die Alliierten wird der Großteil des Vermögens der Familie von Philipp zerstört. Auch die Fabrikhallen werden beschädigt. 1944 verlassen sie Leipzig, siedeln nach Bayern um und sind wirtschaftlich weiterhin sehr erfolgreich.

 

 

Auf dem Südfriedhof Leipzig, in der Nähe des Westtores, kann man noch die Grabstätte der Unternehmerfamilie besichtigen. Die dortige Statue wurde 1927 von dem bekannten Bildhauer Carl Seffner gestaltet. Dieser entwarf zum Beispiel auch das Karl-Heine-Denkmal am Klingerweg und das neue Bach-Denkmal vor der Thomaskirche. Hier endet vorerst die privatwirtschaftliche Geschichte der Globuswerke.

Grabmal Familie Gustav Ritter von Philipp,
Alfred E. Otto Paul „Die Kunst im Stillen –
Kunstschätze auf Leipziger Friedhöfen“ Band
02, Seite 48 (Quelle: Archiv Alfred E. Otto Paul
– Fachbüro für Sepulkralkultur)

Der Betrieb wird 1949 in der DDR in einen volkseigenen Betrieb (VEB) umgewandelt, den Chemisch-technischen Betrieb VEB Globus-Werke Leipzig. Auch als VEB werden sehr bekannte Produkte hergestellt. Unter der Marke „Karipol“ entstehen zum Beispiel die verschiedensten Autopflegemittel, Bremsflüssigkeit und Stoßdämpferöl. Im ostdeutschen Haushalt wird die Universalpolierpaste „Elsterglanz“ oder das Reinigungsmittel „Klarofix“ sehr oft verwendet. Im Laufe der Jahre erfolgen noch verschiedene Umbenennungen des Betriebes, zuletzt produziert der VEB Otto Grotewohl.

Ein Werbebrief von 1949 (Bild: Wikipedia)

Nach der Wende wird die Fabrik erneut privatisiert. 1989 bestehen noch 20.000 Arbeitsplätze im industriell geprägten Plagwitz. Mit den politischen Veränderungen kommt es jedoch auch zum Zusammenbruch der mittel- und osteuropäischen Absatzmärkte. Ebenso offenbart die vorhergehende Planwirtschaft ihre Schattenseiten: viele Unternehmen müssen den Betrieb einstellen. Die Sächsischen Olefinwerke AG Böhlen übernehmen zunächst die Produktion in den Globuswerken. 1995 erfolgt jedoch die endgültige Stilllegung. Das Gebäude wird nur teilweise geräumt. Chemische Stoffe, alte Schubkarren, Werkbänke und viel Sperrmüll bleiben in den Fabrikhallen zurück. Das Werk verfällt. Immer mehr Menschen verlassen in der Zeit nach der Wende das Stadtviertel und Leipzig auf der Suche nach neuen Perspektiven. Viele Häuser stehen deswegen leer. Jahrzehntelang waren in Plagwitz außerdem notwendige Sanierungen nicht vorgenommen worden. Es gilt nun als eines der unattraktivsten Stadtviertel Leipzigs.

Durch die Pläne von Bürgervereinen und der Stadt entwickelt sich das Problemviertel jedoch langsam wieder zu einem angenehmeren Wohn- und Arbeitsort. Im Jahr 1999 sind bereits zwei Drittel der vorwiegend denkmalgeschützten Häuser saniert. Es werden außerdem mehr Grünflächen angelegt und Radwege ausgebaut. Für einige große Projekte gibt es jedoch länger keine Pläne oder es fehlen geeignete Investoren. So werden auch die brachliegenden Fabrikhallen der ehemaligen Fritz Schulz jun. AG erst einmal anderweitig „genutzt“: tagsüber sind die alten Gemäuer der Abenteuerspielplatz für Jugendliche und Geocacher – moderne Schnitzeljäger mit GPS-Geräten. Nachts toben sich Tanzwütige in temporären illegalen Techno-Partys aus. Die Globuswerke sind auch beliebter Ausstellungsraum für zahlreiche Künstler aus Deutschland und aller Welt. In Leipzig lockt die große Freiheit: Kosten für Ateliers und Wohnräume gehen in unsanierten Gebäuden noch gegen Null. Auch sonst sind die Lebenshaltungskosten niedrig und es gibt viel Raum, um Neues auszuprobieren.

Graffiti aus der Vorsanierungszeit (www.rottenplaces.de)

Im Westen werden alternative Gewerbe gegründet, bekannte Märkte folgen bald nach. Plagwitz hat sich als aktuelles In-Viertel etabliert. Auch die Einwohnerzahlen steigen wieder, und zwar von 1994 bis 2010 um beachtliche 15 Prozent. Verfügbarer Wohnraum bleibt also ein Thema und so wird die LEWO-Unternehmensgruppe auf das weitläufige Areal der Globuswerke aufmerksam.

„Elsterglanz“ wird 2018 immer noch in Sachsen produziert (Foto: Redaktion EinDruck)

2015 beginnt ein neuer Abschnitt in ihrer Geschichte: die ehemaligen Fabrikhallen werden nach 20 Jahren Leerstand zu Gewerberäumen und Lofts mit Energieeffizienzsiegel umgebaut, 2017 sollen alle Bauarbeiten abgeschlossen sein. In den Entwürfen der Unternehmensgruppe sieht man begrünte Dächer und weiträumige Rasenflächen. Jedoch wird wahrscheinlich auch dem weniger aufmerksamen Betrachter schnell klar, dass er dort nur mit einem etwas volleren Portemonnaie eine Wohnung beziehen kann. Hier zeichnet sich auch ein Trend bei den Mietpreisen im Viertel ab.

Nach mehr als einhundert Jahren kniet immer noch der Atlas der ehemaligen Fritz Schulz jun.AG vor dem Hauptportal und berichtet von vergangenen Tagen. Und es ist nicht das Ende der Geschichte. Es bleibt spannend wie es weitergeht.

Haupteingang nach der Sanierung (Bild: Redaktion EinDruck)

 

Teil 1: „Geheimnisse eines Leipziger Industriedenkmals – Die Globuswerke

 

Beitragsbild: Redaktion EinDruck

 

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