Das Leben in Syrien

Vorwort

Durch einen Zufall habe ich Yunus Othmann* kennengelernt. Er kommt aus Damaskus, der Hauptstadt Syriens und wuchs in einem strengen Elternhaus auf. Es gab ihm Disziplin, Ehrgeiz und einen starken Willen ins Leben mit. Bevor er sein Medizinstudium mit Fachrichtung Humanmedizin abschließen konnte, musste er aus Syrien fliehen. Über drei Transitländer kam er nach Deutschland und arbeitet hier als Sprach- und Kulturmittler, Dolmetscher und Übersetzer für die Sprachen Deutsch, Englisch und Arabisch. Seine Markenzeichen sind sein Lächeln, seine stets freundliche Art und sein gepflegtes Äußeres.

Ich habe dieses Interview geführt, weil ich die Chance gesehen habe, mit ihm offen über die Lage in Syrien zu reden. Bislang waren mir nur die Bilder aus dem Fernsehen bekannt – Zerstörung, Elend, graue und karge Landschaften. Ich wollte etwas über die Zeit vor, beziehungsweise während des Krieges erfahren und den Ausbruch dieser Katastrophe verstehen. Wie konnte es dazu kommen, dass ein so offenes und fortschrittliches Land zu einem Kriegsgebiet unter der Beteiligung unzähliger Regional-, Groß- und Supermächte wurde. Mittlerweile mit mindestens 500.000 getöteten Menschen, 2 Millionen Verletzen, 11,6 Millionen Geflüchteten und sechs Stätten des Kulturerbes, die auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes stehen.

Anmerkung: Sprach- und Kulturmittler unterstützen die Kommunikation zwischen Menschen mit verschiedenen sprachlichen und kulturellen Hintergründen. Meist im engeren Sinne zwischen Mitgliedern einer Minderheit oder Randgruppe, vor allem Migranten und Vertretern der im jeweiligen Land vorherrschenden Mehrheitskultur. Sie arbeiten überwiegend im Nonprofit-Bereich.

Ananias Kapelle in Damaskus (Bildquelle: Pixabay)

Das Gebiet, welches heute den Staat Syrien umfasst, kann man durchaus als Wiege der Menschheit bezeichnen. Die Hauptstadt Damaskus gilt als die älteste durchgehend bewohnte Stadt der Welt. Außerdem gehört die Region, durch die guten klimatischen Bedingungen und den fruchtbaren Boden, zu den ältesten Stätten des Ackerbaus, sowie zu den ersten Gegenden sesshaft gewordener Menschen.

Mit einer reichen Kulturgeschichte und reizvollen Landschaften gehörte Syrien bis zum Ausbruch des Krieges im Jahre 2012 zu einem der schönsten und begehrtesten Reiseziele des Mittleren Ostens. Amphitheater aus der Zeit des Römischen Reiches, Kreuzritterburgen und das frühbyzantinische Simeonskloster waren beliebte touristische Ziele. Es war ein Land, in dem Muslime, Christen, Drusen, Jesiden und Juden über lange Zeit friedlich zusammenleben konnten. Nördlich der Arabischen Halbinsel liegend, grenzt es heute an Jordanien, Israel, den Libanon, die Türkei und den Irak.

Bildquelle: Pixabay
Geografische Lage von Syrien (Bildquelle: Pixabay)

Das Interview

Schöne Strände, Sand, blaues Wasser

Wie würdest du jemandem wie mir, der Syrien nicht so gut kennt, dein Heimatland beschreiben?

Yunus: Syrien ist ein sehr vielfältiges Land, mit vielen Facetten. Es gibt genauso wie in Deutschland riesige Berge, es gibt große Flüsse, Richtung Nordwesten viele grüne Flächen und schöne Wälder. Syrien kann man im Prinzip in zwei Bereiche einteilen, Osten und Westen. Im Westen gibt es viel Grün, Wolken, Regen und auch die vier Jahreszeiten. Im Sommer ist es schön warm und an der traumhaften Küste findet man sehr schöne Strände, Sand, blaues Wasser. Im Osten jedoch sieht es komplett anders aus. Dort gibt es große Wüsten aber auch viel kulturelle Vielfalt, viele geschichtsträchtige Orte, vor allem aus den älteren Zivilisationen. Dieser östliche Teil ist sehr reich, es gibt viel Erdöl und Erdgas und auch andere wichtige Ressourcen. Ich möchte auch erwähnen, dass es in Syrien viele leckere Gemüse- und Obstsorten gibt. Bei uns schmecken sie besser, weil alles sehr natürlich ist. Durch die gute Erde und viel Sonne wächst alles ohne künstliche Hilfe, es wird nichts modifiziert oder chemisch behandelt.

Mittelmeerstrand von Latakia

Wie kann man sich das Lebend in Syrien vorstellen, ist es auch so modern wie in Deutschland?

Yunus: Bei uns in Syrien ist es wie hier in Deutschland. Es gibt in fast jedem Haushalt einen Fernseher, ein Radio und eine Internetverbindung. Alle Küchengeräte die man in einem deutschen Haushalt finden kann, gibt es in Syrien auch. Für uns ist das komplett normal und nichts Neues. Wenn du spazieren gehst, siehst du auch alle möglichen Automarken – deutsche, japanische, französische, amerikanische Autos. Syrien produzierte von 2004 bis 2012, in Zeiten des Automobilbooms, auch eine eigene Fahrzeugreihe.


Der in Syrien produzierte Siamco Sham, Eigentümer ist der iranische Autohersteller IKCO. (Bildquelle: Wikipedia)

Yunus: In Syrien ist es aber so, dass sich die Armen kein Auto leisten können. Ich glaube, in Deutschland ist es auch für ärmere Menschen sehr schwer, aber trotzdem noch einfacher. Der Grund ist die hohe Steuer, die man für ein Auto in Syrien bezahlen muss. Als Beispiel: ein Fahrzeug, was in Deutschland 10.000 € kosten würde, kostet in Syrien 30.000 – 40.000 €  oder noch viel mehr.

Entweder man ist arm oder man ist reich

Wie du bereits sagtest, sind die östlichen Regionen reich an Naturressourcen und der Westen eine Oase. Man konnte gesund und lecker leben, also eine perfekte Mischung. Warum sind die Menschen trotzdem auf die Straße gegangen und haben protestiert?

Yunus: Syrien war damals ein sehr schönes Land. Man konnte auch zufrieden mit dem Leben sein. Aber solche Verallgemeinerungen sind eben falsch. Es gab vor dem Krieg auch viele Menschen, die mit ihrem Leben nicht zufrieden waren und das waren ganz konkret die armen Leute. Ich kann das auch sehr gut verstehen. Syrien ist an sich ein sehr reiches Land, aber dadurch, dass wir eine korrupte Regierung haben, war und ist es für das Volk sehr schwierig.

Wir haben schon sehr lange das Gefühl, das die Steuergelder nicht ordnungsgemäß verwendet werden. Bei uns Syrern ist die Meinung vertreten, dass die Führung Bankkonten in anderen Ländern hat, die dadurch relativ schlecht verfolgt werden können. Da werden wahrscheinlich sehr hohe Geldbeträge auf diese Konten überwiesen. Anscheinend damit kein Anfangsverdacht entsteht und keiner fragt, wo das Geld eigentlich herkommt. So könnte man sich vor einer möglichen Strafverfolgung schützen. Der Regierungschef selber, Baschar al Assad, duldet das anscheinend nicht nur, sondern hat höchst wahrscheinlich selber Milliarden in der Schweiz angelegt.

Damaskus ganz in weiss

Wie hat sich das auf die Menschen ausgewirkt?

Yunus: Sie waren unzufrieden, weil sie jeden Tag über 12 Stunden arbeiten mussten, um sich die einfachen Grundlagen leisten zu können. Im Vergleich zu anderen Ländern, waren die Lebenshaltungskosten sehr günstig und trotzdem hat das Geld am Ende nicht gereicht. Die Schere zwischen Arm und Reich wurde immer größer und die mittlere Gesellschaftsschicht in Syrien ist mit den Jahren verschwunden. In den letzten Jahren gab es nur noch zwei Bevölkerungsgruppen – entweder man war arm oder man war reich.

Die Mittelschicht existierte zum Teil zwar noch, aber sie war in der Minderheit. Irgendwann wollten wir das ändern und Reformen im Land haben. Wir konnten nicht mit dem Verdacht leben, dass uns Leute regieren oder über uns herrschen, welche unsere Steuergelder veruntreuen oder das Geld ins Ausland überweisen. Wenn sie das Geld in Syrien investiert hätten oder in lokale Projekte, wäre es für alle besser gewesen.

Basar in Damaskus im Jahre 2009

Was ist die Konsequenz wenn man nicht arbeiten kann?

Yunus: In der Realität ist es schon so, dass man nicht arbeitslos sein darf. Wer in Syrien keine Arbeit hat, bleibt auf der Straße und damit seine ganze Familie.

Reger Straßenverkehr in Damaskus

Wie sieht das Arbeitsleben ganz konkret aus?

Yunus: Lehrer arbeiten zum Beispiel jeden Tag 6 bis 8 Stunden und nach Feierabend sind sie dann zum Beispiel Taxifahrer. Selbst die staatlichen Angestellten arbeiten nach Feierabend etwa als Taxifahrer, in einem Dönerladen am Spieß oder als Kellner. Ich habe keine Statistiken, ich habe keine Zahlen. Aber jeder Mensch, der nicht reich ist, hat mindestens zwei Jobs. Also einen Haupt- und einen Nebenjob. Nur so kann man sein Leben finanzieren, weil man von einer Arbeit allein in der Regel nicht leben kann.

Damaskus bei Nacht vom Fuße des Berges Dschabal Qasyun betrachtet

Menschen wurden vor meinen Augen erschossen

Wie hat sich die Gesamtsituation im Laufe der Zeit entwickelt?

Yunus: Irgendwann hat es uns gereicht. Wir mussten feststellen, dass es so nicht mehr funktionierte. Zum Beispiel wurde das Sozialsystem nicht unterstützt, geschweige denn weiterentwickelt. Wir wollten Reformen im Land. Mit der syrischen Revolution hatte alles angefangen. Die Studenten sind auf die Straßen gegangen und haben demonstriert. Sie haben nach Veränderung gerufen – nicht nach dem Absturz der Regierung oder des Präsidenten. So hat es nicht angefangen! Diese Demonstrationen blieben acht Monate lang friedlich. Die ersten zwei bis drei Monate haben wir nur Reformen gefordert, wir wollten keine Regierung und keinen Präsidenten stürzen. Aber wir wollten, dass die Leute, die uns die ganze Zeit beklaut haben, verklagt und inhaftiert werden. Der Sinn dahinter war die Forderung, das verlorene Geld wieder an den Staat zurückzuzahlen. Der Präsident war natürlich davon ausgeschlossen. Wir respektierten, dass man über den Präsidenten nichts sagen darf. Wir wussten, dass der Präsident bei solchen Forderungen sehr hart durchgreifen würde.

Die Regierung hat dann trotz friedlicher Proteste versucht die Demonstrationen mit Gewalt aufzulösen. Zuerst haben sie mit Stöcken und Knüppeln zugeschlagen und Leute inhaftiert, aber auch viele Menschen gefoltert. Dann begann man auf die Demonstranten zu schießen, erst durch die Geheimdienstagenten und später durch die Soldaten. Die syrische Armee hat die Leute gleich auf der Straße erschossen. Die so getöteten Bürger wurden von uns Märtyrer* genannt. Man muss sich nochmal vor Augen führen: Das alles begann nach acht Monaten friedlicher Demonstration. Ich habe es selber erlebt und mit meinen eigenen Augen gesehen. Ich habe als Student mit den anderen auf der Straße demonstriert. Menschen wurden vor meinen Augen erschossen.

*Definition Wikipedia: Muslime, die im Krieg oder bei einem Überfall sterben.

Aufruf zu friedlichen Protesten in Syrien (Bildquelle: piqs.de)

Kampf zwischen FSA und Syrischer Armee

Yunus: Aus diesem Konflikt konnte sich eine Gruppe von der offiziellen syrischen Armee abspalten. Aus diesen Deserteuren wurde die Freie Syrische Armee gegründet, die FSA. Diese Gruppe hatte dann angefangen gegen die Regierung zu kämpfen und die Demonstranten zu beschützen. Wenn wir große Versammlungen organisiert haben, waren wir immer in Gefahr. Sie installierten Spitzel, die sofort eine Meldung an die Regierung oder das Geheimdienstzentrum machten. Zehn Minuten später kamen hunderte Männer. Sie waren schwer bewaffnet und natürlich in Zivil gekleidet, also nicht mit den speziellen Dienstuniformen. Diese schossen dann ohne Ankündigung auf die Demonstranten. Die Soldaten der FSA hielten sich unter uns auf und demonstrierten mit uns Seite an Seite. Sie verließen dann unsere Gruppe und bildeten einen Schutzring um die Demonstranten. Es wurde dann zurückgeschossen um die Regierungsbeamten oder andere Soldaten der syrischen Armee zurückzudrängen. Somit ist die Revolution indirekt zu einem Kampf zwischen FSA und syrischer Armee geworden. Das hatten die Außenmächte durchaus registriert und eine Chance gesehen, mehr Einfluss zu gewinnen. Die Chance um eigennützige Ziele in unserem Land zu erreichen und am Ende wirtschaftlich davon zu profitieren. Sie schafften es, dass Land zu destabilisieren, indem sie anfingen andere Gruppierungen zu unterstützen und zu bewaffnen, mit allen möglichen militärischen Mitteln.

5th Special Force im Einsatz gegen den ISIS in Syrien (Bildquelle: Wikimedia)

Das erinnert mich an die bekannte Redewendung „Teile und herrsche“, für mich wirkt es so, als wurde die geballte Kraft gespalten und im Endeffekt war es nicht mehr das syrische Volk welches die Situation lenkte, sondern Vertretungen von anderen Ländern.

Yunus: Man bezeichnet es hier in der westlichen Welt als Bürgerkrieg – Es ist aber keiner, sondern ein Stellvertreterkrieg.

Es war sicher in der ersten Phase ein Bürgerkrieg, eine kurze Zeit lang.

Yunus: Ja, eine sehr kurze Zeit lang ein Krieg zwischen der FSA und der syrischen Armee.


Zivilisten im Dorf Arbine in Ostghouta, Syrien (Bildquelle: Wikimedia)

Ich habe das Gefühl, dass es wahnsinnig schnell gekippt ist.

Yunus: Es haben sich sehr schnell andere Länder passiv oder auch aktiv eingemischt. Unter anderem wurde der ISIS gegründet. Unter Baschar Al Assad gab es dann eine große Amnestie. Mit diesen Verbrechern wurden terroristische Gruppierungen gegründet und in verschiedene Regionen des Landes geschickt. Somit hatte er auch die offizielle Begründung die Regionen zu bombardieren. Er konnte sagen: „Hier sind Terroristen, wir müssen alles dem Erdboden gleich machen!“. Er hat sie (die Terroristen, Anm. d. Red.) selber geschickt, damit sie Chaos im Land schüren, als Ausrede um das eigene Volk zu töten.

Für uns gab es keine Alternative mehr

Das klingt alles sehr gefährlich und ich frage mich, gab es keine Alternative? Die Menschen waren doch quasi hilflos einer Übermacht ausgesetzt. Wie denkst du darüber?

Yunus: Das ist ein wichtiger Aspekt. Das syrische Volk wird schon sehr lange systematisch unterdrückt.  Bereits unter Hafiz al-Assad, dem Vater von Baschar al-Assad, gab es viel Ungerechtigkeit und Willkür. Für uns gab es irgendwann keine Alternative mehr. Hafiz al Assad hatte bereits 1982 gezeigt, wozu er und sein Militär fähig sind. Er ließ die Stadt Hama am 2. Februar 1982 bombardieren. Mit dem Ergebnis, dass 30.000 Menschen getötet wurden und sehr viele fliehen mussten. Dieser Präsident vertrat außerdem eine religiöse Minderheit, die Alawiten. Diese kleine Gruppe stand nun an der Spitze und konnte fast willkürlich über andere Menschen bestimmen. Zum Beispiel war ein sunnitischer beziehungsweise christlicher Offizier weniger wert als ein alawitischer Soldat. Die Alawiten wurden in dem Glauben bestärkt, dass sie vor einer größeren Gefahr stehen. Sie waren in dem Glauben, jeden Menschen, der anders denkt beugen zu müssen. Dieser plötzliche Einfluss wurde dann natürlich genutzt und es ist sehr viel Ungerechtigkeit entstanden.

Hama gehört zu den ältesten durchgehend besiedelten Städten Syriens

Welche Rolle hast du während der Revolution eingenommen?

Yunus: Ich habe viel für die Revolution gemacht und war aktiv dabei. Als Student der Humanmedizin, mit Praktika im chirurgischen Bereich, konnte ich viele Erfahrungen sammeln. Diese konnte ich dann auch in der Praxis anwenden. Uns ging es um die Behandlung von verletzten Menschen und niedergeschossenen Demonstranten, die auf der Straße lagen und dringend medizinische Hilfe brauchten.

Nach den ersten friedlichen Monaten sind sehr viele Menschen gestorben. Deswegen konnte die syrische Bevölkerung diese Gewalt auch nicht mehr akzeptieren. Der Präsident durfte nun nicht mehr auf seinem Stuhl sitzen bleiben. Viele Menschen hatten Freunde oder Familie verloren. Man konnte nun einfach nicht mehr hinnehmen, dass der Präsident das Land weiter so regiert. Nun wollte man den Präsidenten unbedingt stürzen. Die Spirale der Gewalt drehte sich nun immer schneller und es wurde alles immer schlimmer. Das Grauen war schier grenzenlos. Nach diesen blutigen Monaten hatten wir schnell gemerkt, dass wir als Mediziner unbedingt gebraucht werden. Nach jeder Demonstration gab es fast überall im Land verletzte Zivilisten. Aber ohne Hilfe wären die meisten von ihnen einfach auf der Straße verblutet. Also mussten wir schnell eine Lösung finden. Viele Menschen waren bereits an ihren Verletzungen gestorben.


Mai 2016, im Rahmen von Konferenzen zu Syrien und Libyen in Wien
(Bildquelle: Wikimedia)

Konntest du vor dieser Entscheidung einige Erfahrungen in diesem Bereich sammeln?

Yunus: In Syrien ist das Medizinstudium ein wenig anders als in Deutschland. Ein Medizinstudent hat in Syrien viel mehr praktische Erfahrungen. Er hat freien Zutritt in jedes Krankenhaus. Es muss auch nicht so offiziell sein, wie zum Beispiel in Deutschland. Man geht einfach hin und sagt Bescheid. Man braucht keine Anmeldung. Man legt seinen Studentenausweis hin. Dann kann man in einem bestimmten Zeitraum, zum Beispiel wenn man nicht so viel zu tun hat, ein Praktikum machen. Es reicht einfach der Nachweis, dass man Medizin studiert. Dann darf man unter Aufsicht der Ärzte im Krankenhaus arbeiten und lernt viel mehr als es in Deutschland in dieser Zeit möglich ist.


27. Februar 2018, Zivilisten im Dorf Arbine, Ost-Ghouta, Syrien

(Bildquelle: Wikimedia)

Yunus: Wir konnten eine medizinische Gruppe gründen und hatten gute Beziehungen zu einigen Professoren an unserer Universität. Diese Professoren waren gute Chirurgen und für die Revolution. Sie wollten mithelfen, damit niemand an seinen Verletzungen sterben muss. Wir hatten ein Geheimprojekt angefangen und den Unterstützern Bescheid gegeben, dass wir sehr viel Geld für unser Projekt brauchen. Wir wollten in Damaskus ein Lazarett aufbauen, damit wir verletzte Menschen hinbringen und behandeln konnten. Innerhalb von wenigen Monaten hatten wir das Geld zusammen. Wir fuhren dann nach Amman, das ist die Hauptstadt von Jordanien. Dort kauften wir die medizinischen Geräte und konnten sie nach Syrien schmuggeln. Wir hatten auch schon einen Platz gefunden – ein altes umgebautes Haus in der Innenstadt. Wir brachten die medizinischen Geräte da unter und ein bauten das Lazarett auf. Es wurde natürlich vorher saniert und desinfiziert, damit alles seine Ordnung hatte. Unsere Gruppe bestand aus Medizinstudenten mit viel Erfahrung und Ehrgeiz.

Jungs, ihr habt 5 Stunden

Yunus: Wir fingen an die Leute ins Lazarett zu bringen und diese zu behandeln. Später, nach ungefähr sechs Monaten, wurde plötzlich einer von uns verhaftet. Zum Glück kannten wir damals einen Doppelagenten, mit dem wir eng zusammen gearbeitet haben. Dieser war schon als Geheimdienstagent für die Regierung tätig, aber er war trotzdem für die Revolution. Er konnte sich nicht absetzen, weil er Angst um seine Familie und um sich selbst hatte. Ein paar Tage später, nachdem unser Freund verhaftet wurde, bekamen wir dann einen Anruf von ihm. Er teilte uns mit, dass unser Kollege unter der Folter zusammengebrochen war und alles zugegeben hatte. Danach wurde unser Freund kaltblütig getötet. Er bat uns daraufhin eindringlich: „Jungs, ihr habt 5 Stunden, ihr müsst raus aus dem Land.“. Es war sehr spät, um ein Uhr in der Nacht. Wir mussten plötzlich alle ganz schnell das Land verlassen und konnten auch nichts weiter einpacken. Wir mussten sofort ins Auto einsteigen und losfahren.

Nachtrag

Um die Authentizität dieses Interviews so gut wie möglich zu erhalten, wurde der Text nur vereinzelt von der Redaktion bearbeitet. Die Wertungen, die in diesem Gespräch geäußert werden, spiegeln nicht unbedingt die Meinungen der Redaktion wieder. Bedingt durch den sehr großen Umfang, wurde dieses Interview in mehrere Teile gestaffelt.

*Name wurde von der Redaktion geändert

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