Text: Gingko 

Interview mit Herrn Andreas Sickert, Abteilungsleiter Forsten der Stadt Leipzig aus dem Jahre 2017

Europaweit ist eine Baumart vom Aussterben bedroht – Die Gemeine Esche (Fraxinus Excelsior). Sie ist eine forstwirtschaftlich wertvolle Pflanze, deren Holzverwendung uns zum Beispiel bei Holzfurnieren oder als sehr haltbare Stiele bei Gartengeräten vertraut ist.

Für das Absterben der Eschen ist ein Pilz verantwortlich, der sich in den Versorgungsbahnen der Bäume ausbreitet und dadurch die Wasser- und Nährstoffzufuhr unterbricht. Je nach Fortschritt der Krankheit vertrocknen immer Teile der Bäume, bis letztlich der gesamte Baum abstirbt. Dieser Prozess zieht sich über mehrere Jahre hin. Auch Jungpflanzen werden befallen. Dort geht der Totalausfall auf Grund ihrer geringen Größe sehr schnell vonstatten. Zu den Folgen für den Leipziger Auwald haben wir den zuständigen Abteilungsleiter Stadtforsten der Stadt Leipzig, Herrn Andreas Sickert, befragt:

Redaktion Eindruck: Herr Sickert, Sie haben gerade ein Symposium zum Thema Eschensterben besucht, auf dem ein Austausch über den neuesten wissenschaftlichen Stand des Eschensterbens stattgefunden hat. Wie sind die neuesten Erkenntnisse?

Herr Sickert: Geklärt sind mehrere Dinge. Es handelt sich bei dem Pilz um einen aus Asien stammenden Schlauchpilz, der hier bei uns mit einer Schwesternart vertreten ist, die aber keinen Schaden anrichtet und sogar auf der roten Liste der streng geschützten Arten steht. Der asiatische Schlauchpilz wird als „Falsches Weißes Stengelbecherchen“ bezeichnet und verursacht, im Gegensatz zu seinem einheimischen Verwandten, diese erheblichen Schäden. Der Pilz ist nach Europa gelangt. Die Globalisierung des Handels und der weltweite Tourismus hat schon vielen Tieren und Pflanzen die Möglichkeit gegeben, auf diesen Wegen nach Europa einzuwandern.

Der Fortpflanzungszyklus des Pilzes ist auch geklärt. Er vermehrt sich durch Sporen, die in den Fruchtkörpern gebildet werden. Diese wachsen auf dem am Boden liegenden vorjährigen Laub. Die Sporen werden durch die Luft auf die frischen Austriebe übertragen und dringen von dort in die Pflanze ein und vermehren sich hier weiter. Diesen Zyklus zu kennen ist wichtig, um eine Eindämmung des Pilzes zu erreichen. Noch ist nicht ganz geklärt, wie weit bei uns einzelne Bäume resistent – also nicht angreifbar – für den Pilz sind. In seiner Ursprungsregion in Japan sind die Eschen zum Beispiel nicht betroffen und auch nicht in ihrer Existenz bedroht. Wissenschaftliche Experten diskutieren gegenwärtig eine Resistenzprognose unserer einheimischen Eschen von um die 1 Prozent.

Redaktion Eindruck: Wie hoch ist der Eschenbestand im Leipziger Auwald?

Herr Sickert: Der Bestand liegt bei ca. 30% in unserem Stadtwaldbereich. Das heißt jeder dritte oder vierte Baum im Auwald kann betroffen werden. Wir waren aber sowieso dabei, den Eschenbestand zum Vorteil der Eiche zurückzunehmen. Zum einen ist das biologische Alter mit 160 Jahren bei vielen Alteschen erreicht und zum anderen wollen wir mehr Eiche im Bestand. Alteschen scheinen aber, so wie es aussieht, relativ resistent gegenüber dem Pilz zu sein.

Redaktion Eindruck: Wie hoch ist der sichtbare Befall des Pilzes im Eschenbestand?

Herr Sickert: Nach unserer Schätzung sind über 80% Befall und davon 20% absterbend oder bereits tot. Genaue Zahlen habe ich Ende des Sommers vorliegen, weil dann erst eine sichere Beurteilung durch Sichtung möglich ist.

Redaktion Eindruck: Gibt es Bekämpfungsmöglichkeiten?

Herr Sickert: Ganz klar nein! Die Sporen müssten bekämpft werden und das ist technisch nicht möglich. Vielleicht gibt es ja eine noch nicht bekannte Bekämpfungsart. Uns bleibt aber zur Zeit nur die Eindämmung. Von Vorteil ist der hohe Lindenbestand im Leipziger Auwald. Es hat sich erwiesen, dass das Laub dieser Bäume den Zersetzungsprozess des Eschenlaubs wesentlich beschleunigt. Dadurch können sich die Fruchtkörper erst gar nicht auf den herabgefallenen Blättern der Esche ausbilden. Somit kann der Zyklus des Pilzes zum Teil unterbrochen werden. In den Aufforstungen wird die Linde schon immer flächendeckend zwischen die anderen Arten angepflanzt. Wir werden diese Aktivitäten verstärken, damit kann man das Problem aber nicht lösen, nur eindämmen.

Redaktion Eindruck: Wie gehen Sie in Zukunft mit den zunehmenden Totbäumen und die damit verbundene Gefahr für den Bürger durch herabfällende Äste um?

Herr Sickert: Zum einen gibt es grundsätzlich die Verkehrssicherungspflicht für die Stadtverwaltung an öffentlichen Straßen und Eisenbahnlinien. Dazu kommen die Waldwege. Hier ist die rechtliche Lage so, dass das Betreten des Waldes auf eigene Gefahr geschieht. Bei Schädigungen des Waldes über das natürliche Maß hinaus, also dem Bestehen einer atypischen Gefahr, sind wir aber gegenüber dem erholungssuchenden Bürger in der Verantwortung. Im Extremfall kann es sogar zu Sperrungen von Waldgebieten bei dieser zunehmenden Entwicklung kommen, wenn das Beseitigen des gefährdenden Totholzes durch mangelnde Arbeitskraftkapazitäten nicht sofort möglich ist. Dafür bitten wir die Leipziger Bürger und Bürgerinnen schon jetzt um Verständnis. Bei Trockenheit und vor allem bei starkem Sturm sollte sowieso der Wald nicht betreten werden. Der Einschlag erfolgt durch eigene Leute oder Firmen aus der Privatwirtschaft, die anschließend häufig auch wieder aufforsten. Schwierig ist es nur bei der europaweiten Lage, genügend Auftragnehmer zu finden, weil überall ähnlicher Bedarf besteht. Die dafür zusätzlich erforderlichen Finanzmittel für die aufwendigen Sicherungen müssen aus dem Haushalt der Stadt Leipzig bestritten werden.

Redaktion Eindruck: Herr Sickert, wir danken Ihnen für das Interview und wünschen Ihnen und dem Leipziger Auwald viel Glück.

Das Interview findet im Artikel „Im Connewitzer Holz“ Erwähnung. Herr Sickert kommt auch in diesem Beitrag zu Wort.

Bildquelle: Das Foto einer Esche, die vom Falschen Weißen Stängelbecherchen befallen ist, stammt von Herrn Jonas Barandun aus Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Falsches_Wei%C3%9Fes_St%C3%A4ngelbecherchen

Eschen sterben langsam
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