Wie der kleine, vergessene Bruder des Völkerschlachtdenkmals wirkt der Bismarckturm in Leipzig-Lützschena in seiner exzentrischen Jugendstil-Wuchtigkeit, wenn man ihm zuerst gegenübertritt. Am nordöstlichen Rand von Leipzig gelegen, ragt er mit imposanten 30,75 Metern Höhe schon von weitem erkennbar über die Felder und Bäume des Leipziger Umlands hervor. Nähern kann der neugierige Besucher sich über einen schmalen, schattigen, fast verwunschen wirkenden Pfad, der als Überrest einer mehrere hundert Meter langen Lindenallee für eine eindrucksvolle Annäherung sorgt.

Das Schicksal meinte es allerdings nicht gut mit ihm. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er aufgebrochen und geplündert und verschwand während der DDR-Zeit zusehends aus dem allgemeinen Bewusstsein. Jahrzehntelang stand er leer, diente nur noch Jugendlichen als Treffpunkt und verwahrloste dabei immer weiter. Auch die aus exakt hundert Linden bestehende Allee wurde, obwohl bereits 1973 als „Naturdenkmal“ unter besonderen staatlichen Schutz gestellt, relativ gleichgültig mit einer Straße und einem Bahngleis zerschnitten und damit als Gesamtkonzeption leider nachhaltig zerstört. Aufwärts ging es erst wieder nach der Wende, zumindest in Teilen saniert, dient der Bismarckturm heute vielen Leipzigern als Ausflugsziel, da er als Aussichtsturm einen weiten Panoramablick über das Leipziger Umland erlaubt.

Nur wenige, die den Turm besuchen, wissen aber wahrscheinlich, dass der Leipziger Bismarckturm bei weitem nicht der einzige seiner Art ist – der kleine Bruder des Völkerschlachtdenkmals hat unzählige Geschwister. Allein im Leipziger Umland stehen sechs weitere Bismarcktürme, nämlich in Wurzen, Altenburg, Grimma, Radefeld, Weißenfels und Petersberg bei Halle, in ganz Sachsen sind von ursprünglich 23 noch 17 erhalten. Insgesamt wurden 240 Bismarcktürme errichtet, die meisten innerhalb der Grenzen des damaligen Deutschen Reichs, einige auch in exotischen Kolonial- und Auswanderergebieten wie Kamerun, Papua-Neuguinea oder Chile.

Der Bismarcktum auf dem Wachtelberg bei Wurzen

Hinter dem Bau der Bismarcktürme steht also eine regelrechte Massenbewegung, die heute genauso vergessen ist wie viele der Türme selbst. Sie beginnt am 3. Dezember 1898, als die „Deutsche Studentenschaft“, ein studentischer Dachverband, zum Bau von Gedenksäulen zu Ehren von Otto von Bismarck aufruft:

„[…] Wie vor Zeiten die alten Sachsen und Normannen über den Leibern ihrer gefallenen Recken schmucklose Felsensäulen auftürmten, deren Spitzen Feuerfanale trugen, so wollen wir unserm Bismarck zu Ehren auf allen Höhen unserer Heimat, von wo der Blick über die herrlichsten deutschen Lande schweift, gewaltige granitene Feuerträger errichten. Überall soll, ein Sinnbild der Einheit Deutschlands, das gleiche Zeichen erstehen, in ragender Größe, aber einfach und prunklos, auf massivem Unterbau eine schlichte Säule, nur mit dem Wappen und Wahlspruch des eisernen Kanzlers geschmückt. Keinen Namen soll der gewaltige Stein tragen, aber jedes Kind wird ihn dem Fremden deuten können.“

Um diesen Aufruf zu verstehen, muss man wissen, daß erst ein halbes Jahr zuvor, nämlich am 30. Juli 1898, Otto von Bismarck, der ehemalige Reichskanzler, im Alter von 83 Jahren gestorben war. Die mythisierende Gleichsetzung der Person Bismarcks mit der Einheit Deutschlands, die hier anklingt, ist dabei kein Zufall, denn dieser war es, dem die Einigung und Neugründung Deutschlands 1871, nach jahrhundertelanger Zersplitterung, gelang. So umstritten, so verhasst er zu Lebzeiten bei seinen Gegnern war, so sehr wandelt sich dieses spannungsgeladene Verhältnis mit seinem Tod zu allgemeiner Bewunderung und dem Gefühl, in ihm einen der bedeutendsten Staatsmänner der deutschen Geschichte verloren zu haben. Ein regelrechter Bismarck-Kult setzt ein, bei dem die geschichtliche Wirklichkeit zunehmend verklärt, und seine Person, sein Name zum Symbol für Deutschland selbst übersteigert wird.

„Du gehst von deinem Werke,
Dein Werk geht nicht von dir,
Denn wo du bist, ist Deutschland,
Du warst, drum wurden wir.

Was wir durch dich geworden,
Wir wissen’s und die Welt —
Was ohne dich wir bleiben,
Gott sei’s anheimgestellt.“

So schreibt beispielsweise der konservative Lyriker Ernst von Wildenbruch in seinem Gedicht „Bismarck“. Diese Art von Pathos befremdet heute eher. Vielleicht aber wird die Begeisterung nachvollziehbarer, wenn man sie mit einem Ereignis unserer Zeit vergleicht: für unsere Generation war es die deutsche Wiedervereinigung, die bei vielen ein vergleichbar euphorisch-dankbares Gefühl erzeugte. Dabei überwindet Bismarck eine Trennung, die nicht nur 40, sondern seit dem Westfälischen Frieden von 1672, also ganze 200 Jahre lang, andauerte und über viele Generationen außerordentlich schmerzhaft empfunden wurde. Und wo man ihn nun bereits zu Lebzeiten zum Helden erklärt, wo auch arrivierte Intellektuelle wie der Althistoriker Theodor Mommsen das „wunderbare Gefühl, dabei zu sein, wenn die Weltgeschichte um die Ecke biegt“ eingestehen müssen, erreicht die Heldenverehrung nach Bismarcks Tod noch einmal ganz neue Höhen. Während ergriffene Konservative in Scharen an Bismarcks Grab im holsteinischen Friedrichsruh pilgern, entsteigt die Figur Bismarcks in der öffentlichen Wahrnehmung immer weiter der Wirklichkeit, wird zum Heros, zum Mythos, zum „Halbgott“ (so der Schriftsteller Bruno Garlapp), zur Identifikationsfigur für den im Zuge der Reichsgründung einsetzenden, begeisterten Patriotismus.

Der Bismarckturm in Grimma

In diese Zeit, in diese Atmosphäre nun fällt der Aufruf der Deutschen Studentenschaft, dem einige Monate später die Ausschreibung eines Wettbewerbs folgt, um eine „Bismarcksäule“ zu entwerfen, die zum Andenken Bismarcks brennen soll: „Von der Spitze dieser Bismarcksäulen sollen aus ehernen Feuerbehältern Flammen weithin durch die Nacht leuchten, so oft unser Volk in gemeinsamer Feier seines verklärten Helden gedenkt.“ Als Sieger geht der Entwurf „Götterdämmerung“ des jungen Architekten Wilhelm Kreis hervor, eine wuchtige Mischung aus mittelalterlichem Wehrturm und gigantischer, steinerner Fackel, die insgesamt 43mal originalgetreu errichtet werden wird. (Im Umkreis Leipzigs sind es die Hallenser, die für ihren Turm auf dem Petersberg das Modell „Götterdämmerung“ wählen werden.) Begeistert gründen sich überall im Land Bismarck-Gesellschaften, um Spenden zu sammeln und den Bau des eigenen, lokalen Bismarckturms zu organisieren. Teilweise sind es auch vermögende Einzelne, wie in Grimma, wo der örtliche Bismarckturm von Ida Jutta Gleisberg, der so kunstsinnigen wie reichen Gattin des Großmühlenbesitzers Gleisberg errichtet wird, die ihn inmitten eines von ihr nach englischen und italienischen Vorbildern entworfenen Landschaftsparkes plaziert.

Die Leipziger fallen im Vergleich eher als unmotivierte Nachzügler auf. Vielleicht liegt es am gleichzeitigen Monumentalprojekt des Völkerschlachtdenkmals, das die Aufmerksamkeit der Leipziger während dieser Zeit beansprucht. Doch während die meisten Bismarcktürme bereits in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts geplant und zwischen 1900 und 1910 eingeweiht werden – die Dresdner stellen 1913 bereits den dritten Turm im Stadtgebiet fertig – gründet der Leipziger Bismarckturmverein sich erst 1913. Danach aber geht alles sehr schnell, während andere Vereine oft viele Jahre benötigen, um die für die Errichtung notwendigen Gelder zu sammeln, kann im wohlhabenden Leipzig schon ein halbes Jahr später die Grundsteinlegung gefeiert werden. Die Leipziger entscheiden sich dabei für den vergleichsweise ungewöhnlichen Entwurf des lokalen Architekten Hermann Kunze, der durch die Betonbauweise und seine Konzeption von drei, sich jeweils verjüngenden Geschossen mehr an das Völkerschlachtdenkmal als an die anderen Bismarcktürme erinnert. Dabei lösen diese drei Geschosse aber durchaus ein häufig auftauchendes Nutzungsproblem: soll oben als Krönung des Turmes wirklich die angedachte Feuerschale stehen – oder nicht doch besser eine Aussichtsplattform, die sie für Besucher attraktiv macht? Durch die drei Geschosse bietet der Leipziger Turm beides: während ganz oben die Feuerschale thront, dient das breitere, zweite Geschoß als Aussichtsplattform für die Besucher.

Allee und Portal des Leipziger Bismarckturms

Doch am Ende scheint es, als würden die Bismarck-Gesellschaften letztlich von der Geschichte überholt werden: ihren Höhepunkt erreicht die Turmbau-Aktivität 1915, das Jahr, in dem Bismarck seinen hundertsten Geburtstag feiert. Als jedoch am 1. April überall im Land, unter anderem auch in Leipzig, die Einweihungsfeiern stattfinden, ist der Erste Weltkrieg bereits ausgebrochen. Vielfach liest man von einer „ernsten“ Einweihungsfeier, den Umständen des Krieges entsprechend will sich der patriotische Jubel nicht mehr ganz so ungebremst einstellen. Am Ende, doch das wissen die Feiernden 1915 noch nicht, wird der Erste Weltkrieg zum Untergang der von Bismarck so maßgeblich geprägten Wilhelminischen Epoche führen, und spätestens mit der Hyperinflation von 1923 werden dann auch die letzten noch bestehenden Spendenfonds entwertet.

Für die Bismarcktürme beginnt die Phase des Niedergangs. Während der kargen Weimarer Jahre hält sich das Interesse an teuren Prestigeprojekten in Grenzen, und am Ende werden Bismarck seine eigenen Bewunderer zum Verhängnis: der ins Religiöse übersteigerte, völkische Nationalismus des Dritten Reiches greift die Reste des noch bestehenden Bismarck-Kultes natürlich nur zu gerne auf, um sich selbst als dessen Erbe zu inszenieren. Durch dessen Verbrechen schlägt die nationalistische Begeisterung in der Nachkriegszeit zunehmend zur Aversion um, und die mit der Verehrung Bismarcks verbundene Deutschtümelei wird seither, wo nicht ausgestorben, so doch zumindest kritisch betrachtet.

Der Bismarckturm in Weißenfels

Der denkmalpflegerische Enthusiasmus hält sich dementsprechend in Grenzen, man ist froh, wenn beispielsweise Amateurfunker einen solchen Turm für ihre Aktivitäten nutzen können, und wo sich nicht zufällig engagierte Anwohner finden, die sich für den Erhalt einsetzen, verfallen sie vielfach. In der DDR werden sie teilweise sozialismuskonform in „Turm der Jugend“ oder „Turm der Freundschaft“ umbenannt, um dann FDJ-Gruppen als Ausflugsziel zu dienen. Als Symbol der einstigen Besatzer ist den Bismarck-Türmen auf dem Gebiet des heutigen Polen noch weniger Sympathie beschieden, von den ursprünglich 40 Türmen sind heute nur noch 17 erhalten. Der historische Kontext gerät dabei zunehmend in Vergessenheit, erst 1997 erscheint mit dem Buch „Bismarck-Türme und Bismarck-Säulen“ eine erste Bestandsaufnahme, womit die Bismarcktürme als historisches Phänomen überhaupt erst wieder zurück ins öffentliche Bewußtsein geholt werden. Und wo 1915 anlässlich zu Bismarcks 100. Geburtstag noch überall in Deutschland rauschende Feiern abgehalten wurden, wird sein 200. Geburtstag im Jahr 2015 von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert werden. Das Bismarck-Revival bleibt bis heute aus und zeigt vielleicht nur, wie wechselhaft die Geschichte und wie flüchtig der Ruhm ist.

Und so stehen die Bismarcktürme bis heute als eher rätselhafte Gesellen in der Landschaft, und laden den Ausflügler zum Besuch, den geschichtlich Interessierten zur Beschäftigung ein.

Der Originalentwurf von Wilhelm Kreis.

***

Für die Interessierten: Auch wenn die Bismarck-Türme in der Nachkriegszeit in Vergessenheit geraten sind, so bietet doch mittlerweile das Internet dem Interessierten einige Anlaufpunkte. Unter http://www.bismarckturm-verein.de/ offeriert der örtliche Bismarckturmverein Lützschena-Stahmeln nicht nur Veranstaltungshinweise und Öffnungszeiten, sondern auch eine ausführliche geschichtliche Dokumentation des Turmes.

2014 ist im Münchner Morisel Verlag der Bildband „Bismarcktürme – Architektur, Geschichte, Landschaftserlebnis“ erschienen. Der Autor, Jörg Bielefeld, betreibt darüberhinaus das randvoll mit Informationen gefüllte Internet-Portal www.bismarcktuerme.de, das jeden bestehenden Bismarckturm in Geschichte und Architektur ausführlich darstellt.

Als Standardwerk kann darüberhinaus das 1997 im Michael Imhoff Verlag erschienene Werk „Bismarck-Türme und Bismarck-Säulen“ von Sieglinde Seele und Günther Kloss gelten. 2005 veröffentlichte die Autorin überdies ein „Lexikon der Bismarck-Denkmäler“.

Und nicht zuletzt bietet auch Wikipedia eine Liste aller historischen Bismarcktürme.

In der Region: Der Bismarckturm in Radefeld bei Schkeuditz, errichtet von einem geheimnisumwitterten Privatmann namens Gustav Hermann Tautz, der angeblich im Lotto gewonnen und später Selbstmord begangen hat, ist nur noch eine Ruine. Die meisten anderen in der Region sind dagegen mittlerweile saniert und werden zumeist als Ausflugsziele und Aussichtstürme genutzt. Aufgrund der ehrenamtlichen Betreuung können die Öffnungszeiten allerdings sehr unterschiedlich ausfallen, vorherige Recherche oder Anfrage ist also empfehlenswert. Zudem bilden die Türme gerne genutzte Kulissen für Veranstaltungen: in Leipzig finden dort regelmässig Musikkonzerte statt, der Weißenfelser Turm kann für Hochzeiten gebucht werden, und im Grimmaschen Turm ist eine Klanginstallation des sächsischen Künstlers Erwin Stache untergebracht. Darüberhinaus halten die Trägervereine im Sommer dort regelmäßig Grillfeste oder Sonnwendfeiern ab. Auch hier lohnt sich der Blick auf die jeweiligen Webseiten.

Der Bismarckturm in Radefeld ist nur noch eine Ruine

https://www.bismarckturm-weissenfels.de/

https://www.hoefgen.de/landschaft/jutta-park/index.html

http://www.schkeuditzer-museumsverein.de/geschichtssplitter/87-bismarckturm-in-schkeuditz.html

Eine Antwort

  1. Volker

    Was die Geschichte nicht alles in Vergessenheit geraten lassen würde, wenn nicht hin und wieder jemand mit den Finger darauf zeigt. Interessante Ausflugsziele.

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