Leipzig, Hypezig – die Boomtown Ostdeutschlands, das neue Berlin. Seit bald zwei Jahrzehnten verbindet man diese Phrasen mit der Metropole an der Elster. Selbst die renommierte New York Times schrieb Anfang 2020 erneut von der „newest cool-kid town“ und nach wie vor zieht es viele junge, kreative Menschen aus aller Welt in die Stadt. Als Industrie– und Kulturmetropole hatte Leipzig seit jeher hohe Anziehungskraft. Buch- und Musikverlage, Museen, die Messe und Universität sowie ein dynamisches Nachtleben sind normalerweise ein Garant für kulturellen Austausch und Schöpfungskraft.
Bei Musik aus Leipzig wird dabei aber meist an große Namen der Klassik wie Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy, dem Gewandhausorchester oder der Oper gedacht – und mit diesen schmückt sich die Stadt auch selbst gern international. So hat sich Leipzig offiziell die Dachmarke „Musikstadt“ verpasst und trägt seit 2018 das Europäische Kulturerbe-Siegel für die Initiative Notenspur.

Die Leipziger Notenspur ist eine 5,3km lange Fußgängerroute, die an 23 Orten die musikalische Geschichte der Stadt erleb- und hörbar machen soll. Elemente eines geschwungenen Edelstahlbandes ziehen sich ebenerdig als Spur durch die Leipziger Innenstadt und verbinden Wirkungsstätten Leipziger Musiker:innen. Informationstafeln und eine Smartphone-App erklären die Bedeutung des jeweiligen Standortes.
Quelle: https://notenspur-leipzig.de/notenrouten/notenspur/anliegen/

Redaktion Eindruck: Hallo Fabian, vielen Dank für deine Zeit. Du hattest ja mit Analogsoul ein eigenes Label und mit A Forest und Me And Oceans eigene Musikprojekte. Was hat dich dazu bewegt mit Golden Ticket mehr in Richtung Agentur zu gehen?

Fabian: Ich habe einfach gemerkt, dass mich die Business Seite mehr interessiert, das da mehr Stärken liegen. Und dass es mir gut tut, das Musikmachen eher in den Bereich „Leidenschaft“ zu verschieben, als in den Bereich „Gelderwerb“.

Ein Großteil der deutschen Musikszene spielt sich ja in Berlin und Hamburg ab. Welche Gründe hast du in Leipzig zu bleiben?

Fabian: Die Gründe, die vermutlich viele haben: Entschleunigter als die Großstädte, aber groß genug. Grün, lebenswert und nicht zuletzt: Alle Freunde und Netzwerke sind hier. Wir sind hier tief verwurzelt.

Wie würdest du die Leipziger Musikszene beschreiben? Gibt es einen besonderen Leipziger Sound?

Fabian: Einen Leipziger Sound gibt es nicht. Da ist schlicht ein einziges Genre oder Act nie relevant groß geworden. Die Szene ist breit, freundschaftlich und geprägt von viel Leidenschaft vieler Akteure und Kollektive.

Ich denke, dass die Leipziger Szene keine überregionalen Wellen schlägt bzw. kaum überregional bekannte Bands hervorbringt (nicht im Sinne von Mainstream-Brei), obwohl ja seit Jahren von Hypezig und Leipzig sei das neue Berlin die Rede ist. Was denkst du darüber?

Fabian: Stimmt. Das fehlt mir auch: Die Ambitionen, das größer Denken, das Internationale. Hier bist du mit einer Agentur mit fünf bis zehn Angestellten schon eine „große“ Firma. Da fehlen mir manchmal die Mitstreiter, der allgemeine Punch, der Zug nach vorn.

Gibt es da Anti-kommerzielle Bestrebungen oder ein Veranstaltungs-Überangebot an importierten Acts?

Fabian: Nein, das hat damit nichts zu tun. Schon eher damit, dass Städte wie Berlin, Hamburg, Köln oder München über 60 Jahre lang gewachsene Strukturen und Firmen haben und hier hart gesagt eigentlich erst um 2010 die Ersten ernsthaft angefangen haben Musikbusiness zu machen. Mal abgesehen von den Prinzen. Die waren natürlich sofort nach der Wende recht geschäftstüchtig.

Ich denke, dass hauptsächlich elektronische Musik aus Leipzig exportiert wird. Liegt das am Zeitgeist?

Fabian: Nein, aber das ist schlicht ein Genre, das in einer Nische einige wenige relevante international bekannte Akteure hervorgebracht hat. Da ist denke ich das generelle „made in germany“ entscheidender als der konkrete Standort.

Wie ist Leipzig infrastrukturell (Proberäume etc.) aufgestellt?

Fabian: Eigentlich ganz gut. Zumindest ist hier der freie Raum noch eher und sicherlich günstiger zu haben als in westdeutschen Großstädten. Infrastrukturell fehlt es eher an Wirtschaftsförderung für die Business-Strukturen. Von einer Labelförderung wie in Hamburg oder dem Musicboard Berlin sind wir Lichtjahre entfernt. Die Stadtpolitik fokussiert sich da zu sehr auf ihre klassische Musikvergangenheit.

Birgt die Corona-Krise auch Chancen für Künstler und dich als Agenturbetreiber, obwohl kaum Konzerte stattfinden?

Fabian: Ja, auf jeden Fall. Digitalisierung ernst nehmen und neue Konzepte zu entwickeln sind tolle kreative Herausforderungen und bringen uns voran. Die Krise macht uns stärker.

Welche Leipziger Band kannst du mir empfehlen?

Fabian: Philipp Rumsch Ensemble. Das aktuelle Album ist mit Sicherheit eines der relevantesten Stücke Musik aus dieser Stadt.

Deine Einschätzung wie sich die Szene in den nächsten zehn Jahren entwickeln wird?

Fabian: Ich hoffe positiv. Aber Corona ist da ein so massiver und unabsehbarer Faktor, dass ich keine Prognose wagen würde.

Vielen Dank für das Gespräch.

Der Stadt mangelt es sicherlich nicht an kreativen Leuten, vielmehr scheint sie in mancherlei Hinsicht im Vergleich zu den etablierten „Musikstädten“ bezüglich professioneller Strukturen hinterher zu sein. Ganz zu schweigen vom Mangel an finanzieller Unterstützung der Stadt. Denn die Fördermittelliste Kultur 2020 der Stadt Leipzig zeigt, dass zu einem großen Teil Musiker:innen aus dem Bereich Klassik und Jazz gefördert werden.


Quelle: https://www.leipzig.de/freizeit-kultur-und-tourismus/kunst-und-kultur/kulturfoerderung/




Erwähnenswert ist auch, dass für den von Kulturschaffenden selbst initiierten Nahwegweiser „Westkultur“ von der Stadt jährliche Nutzungs- und Instandhaltungsgebühren verlangt werden.

Es wundert also nicht, wenn Fabian manchen Leipziger Musikschaffenden mangelnde Ambitionen attestiert. Wer sich seine Brötchen mit einem regulären Vollzeitjob verdienen muss, weil es an institutioneller Förderung fehlt, überlegt sich zweimal, in Sachen Musik alles auf eine Karte zu setzen. Dass sich viele dann mit lokalen Bühnen zufriedengeben, verwundert also nicht. Wenn sich die Stadt also auch aufgrund ihres Rufs als Mekka der Jungen, Alternativen, Hippen und Kreativen feiern möchte, sollte sie auch einen Blick auf die alternative Musikszene abseits von Klassik und Jazz werfen. So könnte ein städtisches Förderprogramm wie das Musicboard Berlin als Vorbild dienen.

Seit 2015 fördert die „bundesweit einzigartige Einrichtung Popmusik auf neue, einfallsreiche Art und versucht den Diskurs zur Popkultur in Berlin lebendig zu halten. Es (das Musicboard, A. d.R.) steht für einen wertschätzenden Umgang mit Diversität und eine inhaltsbasierte Musikförderung, bei der die Perspektive der Musiker:innen im Vordergrund steht. Es setzt auf die Mitarbeit und innovative Kraft der Musikschaffenden, ihrer Communities und Kollektive.“
Quelle: https://www.musicboard-berlin.de/ueber-uns/das-musicboard

Denn nicht erst seit Pandemiezeiten sollte klar sein, wie wichtig Kultur und insbesondere Musik für unser Zusammenleben ist und dass sich viele Kulturschaffende häufig in prekären Lebenssituationen befinden.
Warum Leipziger Bands jedoch oft nicht weit über die Stadtgrenze hinaus Bekanntheit erlangen, bleibt dennoch rätselhaft. Vielleicht bieten etablierte Musikstädte wie Berlin oder Hamburg eben einfach mehr Anreiz für Musiker:innen dort zu leben, wo bereits Musikbusiness gemacht wird. Andererseits können Bands in Zeiten dieses ominösen „Neulands“ Internet auch aus jeder x-beliebigen Provinzstadt Erfolg haben – auch ohne finanzielle Förderung. Dazu gehört nämlich auch immer eine Prise Glück, Fügung und nicht zuletzt eine subversive Haltung. Entwicklungen von Musikstilen und Szenen sind schließlich immer ein Konglomerat aus Umständen und Zeitgeist, von Ab- und Anwesenheit gewisser Möglichkeiten. Nicht alles ist zu allen Zeiten möglich und was noch nicht ist kann ja noch werden – oder auch nicht.

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