– Extinction Rebellion Leipzig im Interview

Extinction Rebellion („Rebellion gegen das Aussterben“) ist eine internationale Bewegung, die im Oktober 2018 in Großbritannien begann. Das Fundament ist die grundlegende Überzeugung, dass die Menschheit vor einer ökologischen Krise mit gravierendem Ausmaß steht, was in den kommenden Jahrzehnten bis zum Aussterben der Menschheit führen kann.

Die Bewegung ruft zur gewaltfreien Rebellion auf, um wirksame Maßnahmen zur drastischen Reduktion von Treibhausgasemissionen und zum Schutz von Ökosystemen durchzusetzen. Es soll Druck auf die Entscheidungsträger ausgeübt und gleichzeitig die Öffentlichkeit auf die Folgen der ökologischen Krise aufmerksam gemacht werden, da die Regierungen weltweit versagten, angemessen auf die Bedrohung zu reagieren.

Die Bewegung stellt drei Kernforderungen:

  • Erstens muss die Regierung die volle Wahrheit über die ökologische Krise offenlegen und gemeinsam mit den Medien die absolute Dringlichkeit des Wandels an die gesamte Bevölkerung kommunizieren.
  • Zweitens muss die Regierung die notwendigen Maßnahmen verbindlich ergreifen, um die Netto-Treibhausgas-Emissionen in Deutschland bis 2025 auf null zu reduzieren und das allgemeine Niveau des Ressourcenverbrauchs zu senken.
  • Drittens soll eine Bürgerversammlung einberufen werden, welche diese Maßnahmen fortan begleitet und gewährleistet, dass der Wandel gerecht und demokratisch abläuft.

In Deutschland haben sich seit November 2018 zahlreiche Ortsgruppen gebildet, darunter auch in Leipzig. Diese besteht aus circa 30-40 Kernorganisatoren und hat einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Wissenschaftlern. Um die Gruppe ein bisschen genauer unter die Lupe zu nehmen, habe ich Ende Juli diesen Jahres ein Interview mit Paul bei uns in der Redaktion geführt.

Paul von Extinction Rebellion Leipzig – Redaktion Eindruck

Paul hat Geophysik studiert, arbeitet in einem Ingenieurbüro und ist seit Ende März diesen Jahres bei Extinction Rebellion Leipzig dabei. Zuvor war er bei Greenpeace tätig und ist durch seinen Beruf bereits viel in der Welt gereist und hat laut eigener Aussage bereits seinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen.

Redaktion Eindruck: Was motiviert dich und deine Mitstreiter?

Paul: Ich möchte dazu sagen, dass ich da nur für mich sprechen kann. Wir sind eine dezentral organisierte Gruppe, das heißt auch die Gründe warum die Menschen mitmachen, können vollkommen unterschiedlich sein. Aber das ist auch eine gute Frage die einen echt zum Nachdenken anregt… Ich glaube, meine Hauptmotivation dabei ist die Gerechtigkeit. Denn es geht uns ja darum, darauf aufmerksam zu machen, dass der Klimawandel voll im Kommen ist und wir haben eigentlich nur noch neun Jahre, um das aller aller schlimmste zu verhindern. Eines unserer Ziele ist es, dass Aussterben der Menschheit abzufangen.

Redaktion Eindruck: Gibt es Kooperationen mit anderen Gruppen?

Paul: Wir sind natürlich eng verbunden mit Fridays for Future und es gibt Überschneidungen zu Greenpeace und anderen Umweltschutzorganisationen. Aktionen wie die Stadt.Land.Rad-Tour, die im Juli von der Leipziger Fridays for Future Gruppe veranstaltet wurde sind auf jeden Fall für soziale Sachen richtig wichtig! Wir waren zum Beispiel mit auf dem Christopher Street Day präsent und sind international tätig – ohne geht es auch nicht. Eines unserer Grundprinzipien ist Civil Disobedience (Ziviler Ungehorsam).

Redaktion Eindruck: Wie mobilisiert und gewinnt ihr andere Menschen?

Paul: Ich glaube, die größte Art Menschen zu mobilisieren, ist ihnen klar zu machen, wie dringlich das Ganze ist. Das ist noch nicht so ganz präsent in den Köpfen. Denn ich denke, sobald den Menschen bewusst ist, dass uns wirklich die Zeit abläuft und wir eigentlich schon viel zu spät dran sind, tun sie auch irgendwann mal was. Also, hoffe ich zumindest.  

Wir haben zwei Arten zu mobilisieren: Erstens indem wir natürlich die klassischen Medienkanäle benutzen und zweitens in denen wir Aktionen machen. Ein weiteres Grundprinzip ist: Wir wollen keine bestimmte politische Seite bedienen.Wir wollen Omis, Opis, Kinder und Familien mitnehmen! Denn Klimaschutz geht uns wirklich alle was an. Wir wollen nicht jeden mitnehmen, aber so viele wie möglich! Natürlich schließen wir Menschen aus die sich feindlich gegen demokratische-pluralistische Prinzipien richten, das muss man schon sagen. Genauso sämtliche Arten von Phobien, wie zum Beispiel Homophobie.

Redaktion Eindruck: Wie organisiert ihr euch? Wie ist die Aufgabenverteilung innerhalb der Gruppe?

Paul: Der Grundsatz der gesamten Organisationsstruktur ist, dass wir Machtstrukturen und Hierarchien vermeiden wollen. Es gibt Rollen denen Aufgaben zugeteilt sind. Diese hängen aber nie an konkrete Namen. Wir haben momentan ein offenes Plenum, an dem wir auch aktiv arbeiten. Jeder macht nur das, was er kann und möchte.

Aller vier Wochen findet im Wechsel ein offenes Plenum und Arbeitsplenum statt. So dass immer aller zwei Wochen ein anderes Plenum ist. Wir nutzen verschiedene Arbeitsgruppen in denen man sich beliebig aufteilen kann, je nachdem wie man möchte. Es gibt Menschen die sind in mehreren AGs oder nur in einer und dort sehr aktiv und jene die häufig wechseln. Zu unseren Arbeitsgruppen zählen unter anderem: Eine Kreativ AG, die für Design, Banner, Flyer, Bilder, Flaggen zuständig ist. Eine Media AG, die wie ich, sich um Social Media und die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Eine wichtige Aktions AG, die sich konkret mit Planungen und Ermöglichung von Aktionen, Ressourcennutzung und Zeitplanung kümmert. Wir achten darauf, wenn Menschen Aktionen machen wollen, müssen sie drei andere Individuen finden die mitmachen wollen und das die Aktionen unseren Grundprinzipien entsprechen. Dazu muss nicht die ganze Gruppe zustimmen und es finden also durchaus Aktionen statt, wo die andere Hälfe davon gar nicht Bescheid weiß.

Unter anderem haben wir auch eine Awareness AG (Bewusstsein/Achtsamkeit) und Mental Health AG (Psychische Gesundheit), was uns auch sehr wichtig ist! Gerade bei Aktivismus, gibt es Menschen gibt die sich da reinstürzen und das merke ich auch selbst hin und wieder, dass ich mal eine Pause machen muss. Da kann man sich sehr schnell „verbrennen“ und das wollen wir nicht! Für Neueinsteiger gibt es ein Extinction Rebellion Café, dass jeden Dienstag an wechselnden Orten in der Stadt ist, um sich zu informieren und zu den offenen Plena kann jeder gerne kommen!  

Redaktion Eindruck: Sind weitere Aktionen in nächster Zeit geplant? 

Paul: Am 7. Oktober ist eine große Aktion in Berlin geplant („Aufstand gegen das Aussterben!“)! Es wird eine große Party geben, in deren Mitte ziemlich viele Menschen auf der Straße sitzen werden und Berlin blockieren werden.

Davor wollen wir auch auf jeden Fall nochmal eine richtig große aufsehenerregende Aktion in Leipzig starten! Dazu würde ich mich aber ausschweigen wollen was dazu geplant ist. <<grinsend>> Zum Earth Overshoot Day wurde etwas veranstaltet und beim Klimacamp waren wir auch dabei.

Redaktion EinDruck: Hat sich dein Verhalten im Alltag verändert seitdem du dabei bist?

Paul: Es geht gar nicht so sehr um die persönliche Verantwortung, sondern eher, dass es eine Gesellschaftliche Verantwortung geben muss. Es geht nicht darum, dass sich jetzt jeder schämen muss für das was man tut. Sondern das man darüber nachdenkt, das ist das wichtige. Unsere Kernaussage ist: es ist ein Systemproblem. Wir leben in einem toxischen System, dass aufgrund von Profitstreben Leistungsdruck erzeugt und den Glauben an das grenzenlose Wachstum aufrechterhält. Es werden Strukturen erzeugt aus denen wir gar nicht ausbrechen können. Es muss politische Lösungen geben und vor allem gesellschaftliche.

Ich persönlich bin seit mehreren Jahren Vegetarier, fliege nicht mehr in den Urlaub und habe diesen eingeschränkt. Ich gebe das Geld lieber für sinnvollere Sachen aus. Auch vermeide ich das Autofahren, soweit es geht und habe meinen Amazon Account gelöscht. Gleichzeitig ist mir aber auch klar, dass bestimmte Dinge einfach notwendig sind. Was sich für mich persönlich geändert hat, seitdem ich bei Extinction bin? Ich habe eine Menge super interessante Menschen kennengelernt!

Um dann doch noch ein konkretes Beispiel zu nennen: Ich bin Geophysiker und ich habe zuvor in der Ressourcenexploration gearbeitet. Ich habe international Gold, Kupfer und mineralische Vorkommen gesucht. Ich war für mehrere Wochen, inmitten des Dschungels, in einem Camp von Guyana, Südamerika. Ich habe mit den Amerindians (Ureinwohner) gesprochen und sie befragt, wie sie dazu stehen, dass sie für die Goldsucher aktiv ihren Urwald selbst abholzen. Die Antwort lautete ‚Naja, was sollen wir machen?‘ Sie haben mehrere Kinder und müssen das Geld ranschaffen. Manche von ihnen sparen ironischerweise auf eine Solaranlage, damit sie unabhängig von den Dieselgeneratoren werden.

Redaktion EinDruck: Was versteht ihr unter Nachhaltigkeit?

Paul: Das ist ja leider so ein Kampfbegriff, den die Industrie mittlerweile für sich vereinnahmt hat um sich grün zu waschen (Greenwashing). Ich schätze mal, so zu leben, dass die Generation nach mir genauso leben kann wie ich und wenn nicht sogar besser.

Redaktion EinDruck: Gibt es Leipziger Politiker oder Parteien die auf euch zukommen und euch unterstützen?

Paul: Der Herr Jürgen Kasek (Die Grünen) unterstützt uns mit Rat und Tat, aber auch indirekt fördern uns Parteien wie die Linke und die SPD, da wir bei ähnlichen Gruppen, wie zum Beispiel Fridays for Future mitwirken. Wenn man sich dann aber die konkreten politischen Entscheidungen in der Leipziger Stadtverwaltung anschaut, dann tun sie alles andere als unser Anliegen zu unterstützen. Das Jugendparlament hat einen Antrag in den Stadtrat eingebracht, den Klimanotstand auszurufen, aber dieser wurde abgelehnt. Es gab eine Initiative die Karl-Liebknecht-Straße zur Fahrradstraße zu machen, dies wurde auch abgelehnt und das häuft sich. Also was soll ich dazu noch sagen? <<Seufzer>> Es ist Schade und wir arbeiten daran!

Redaktion EinDruck: Wie geht ihr mit kritischen Stimmen um?

Paul: Auf der Straße reden wir mit den Menschen. Wir merken, dass sämtliche kritische Sachen eher aus einer persönlichen und emotionalen Motivation herauskommen. Da muss man einfach mit den Menschen reden und das ist auch unser Umgang mit den kritischen Sachen. Wir haben Strukturen, in denen wir Schulungen, Workshops und Trainingseinheiten schaffen und für uns Nutzen, um zu lernen wie damit umgegangen wird. Wir wollen nicht in Muster zurückfallen, durch die wir durch die Gesellschaft geprägt sind. Für uns ist das auch ein guter Lernprozess. Wir lernen was ist möglich und was nicht. Wir testen unsere Grenzen aus, was ist machbar und wollen natürlich gewaltfrei bleiben.

Wir beschäftigen uns auch mit dem Umgang von Hate Speech (Hassrede) auf unseren Social-Media-Kanälen. Denn klar: Troll-Kommentare gibt es. Wir haben Arbeitsrollen und je nachdem wer das gerade bei uns macht, wird damit auch anders umgegangen. Also ich persönlich lösche Troll-Kommentare. Andere schreiben etwas drunter – je nachdem. Wir sind da offen! Die Reaktionen sind auch sehr unterschiedlich auf die Arten der Aktionen. Auf dem WGT-Trauermarsch ist zum Beispiel super gut reagiert worden!

Redaktion Eindruck: Habt Ihr Wünsche für Leipzig oder weitere Ideen geplant die ihr umsetzen wollt?

Paul: Aus unser Sicht den Klimanotstand ausrufen wäre das mindeste. Es ist ja ein rein formales Bekenntnis dazu, dass man die wissenschaftlichen Fakten akzeptiert. Ich glaube, wenn die Stadt und die dahinterstehenden Individuen und Menschen, sich der Sachlage und der Dringlichkeit der ganzen Sache bewusstwerden, dann wird dort eben Unterstützung von selbst einsetzen – hoffe ich.

Die Gesamtlage ist sehr komplex, aber auch sehr konkret – gerade wenn es um die Hitze geht. Um das mal in Relation zu setzen: letzten Sommer sind 70.000 Menschen in Europa an der Hitze gestorben.  Das war weltweit der heißeste Sommer, den wir seit dem Beginn der Aufzeichnungen in 1881 hatten. Dieses Jahr sind wir auf einem richtig guten Weg, da wieder hinzukommen. In den letzten Wochen häuften sich die Meldungen der Brände überall.

Zusätzlich fordern wir auch den Braunkohleaustieg und zwar schneller als, dass was offiziell geplant ist. Die CO²-Neutralität bis 2025 und das muss auch als Stadt möglich sein. Wir geben Milliarden für irgendwelchen Schnulli (Schnickschnack) aus, aber nicht dafür, dass unsere Kinder später mal den gleichen Lebensstandard haben können wie wir. „Tell the truth“ ist auch eine ganz zentrale Forderung von uns: Nicht so tun als wäre nichts passiert, oder das sich die Sachlage schon irgendwie selbst lösen wird – das wird sie nicht, sondern konkrete Maßnahmen schaffen und mit den Menschen reden!

Redaktion Eindruck: Wie kann man euch unterstützen?

Paul: Es gibt verschiedene Ebenen der Unterstützung. Wir brauchen natürlich Menschen die helfen wollen, dadurch das wir so dezentral organisiert sind. Klar haben wir auch Materialkosten, aber Geldspenden sind nicht unser primäres Ziel. Dennoch gab es im Juni eine Großspende an die Extinction Rebellion International von der Musikband Radiohead. Dessen Archivaufnahmen wurden gestohlen und die Band wurde damit erpresst. Doch statt die verlangten 150.000 Dollar zu bezahlen, stellte die Band die Aufnahmen für 18 Pfund zum Download bereit und alle Einnahmen wurden an Extinction Rebellion gespendet.

Unterstützen könnt Ihr uns als Onlineredaktion natürlich durch Berichte. Als Leser kann man zum Plenum und den Aktionen kommen. Wir treffen uns regelmäßig im PizzaLab, um uns auszutauschen und neuen Menschen zu begegnen. Unterstützung bedeutet auch nachhaltiger zu leben, über den eigenen Fußabdruck nachzudenken und vor allem daran zu arbeiten, dass sich etwas an diesem Ellbogen System ändert, um weg vom Leistungsgedanken wegzukommen.

Wenn ihr Lust auf eine wirklich gute Gruppenkultur und auf ein paar aufsehenerregende Aktionen habt – kommt gerne vorbei!



Bildquellen: Redaktion Eindruck, Pixabay

„Den Klimanotstand ausrufen wäre das mindeste!“
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