Teil 1:  Zwanzig Jahre lang stand der Fabrikkomplex in Plagwitz leer, das Gebäude verfiel. Einziger Hinweis auf die Geschichte dieser Industrieruine – das Schild über dem Eingang. Faszinierend auch die Atlasstatue darunter: Wer waren die Gründer der Globuswerke? Wie lebten die Leipziger, als sich Plagwitz vom abgelegenen Dorf zum rasant wachsenden Industriestandort entwickelte? Inzwischen wurden die ehemaligen Fabrikhallen saniert. Doch werfen wir einen Blick zurück in deren spannende Vergangenheit:

Der Haupteingang mit Atlasstatue vor der Sanierung (www.rottenplaces.de)

Die Anfänge:

Mitten in der Zeit der industriellen Revolution heiratet Gustav Adolph Philipp in die erfolgreiche Leipziger Unternehmerfamilie Schulz ein. Durch den Bau der bayerischen Donautalbahn 1873 wird der Transport von Kieselkreide sehr erleichtert, ein Rohstoff, der in dieser Zusammensetzung nur in Neuburg an der Donau zu finden ist. Die Familie gründet 1893 die Vereinigten Neuburger Kreidewerke Schulz & Philipp und beginnt mit der Förderung des Minerals. 1897 entsteht das Produktionsgebäude in Leipzig-Plagwitz, die heutigen Globuswerke. Als Schleifmittel wird die Kieselkreide dort in verschiedenste Reinigungsprodukte eingearbeitet. Das vielseitige Sortiment an Pflegemitteln für Haushalt und Kleidung soll bald deutschlandweit Bekanntheit erlangen.

Sachsen entwickelt sich in dieser Zeit neben dem Ruhrgebiet zur führenden deutschen Industrieregion. Aufgrund seiner zentral-europäischen Lage, den günstigen Voraussetzungen für die Energiegewinnung durch zahlreiche Wasserläufe und Braun-bzw. Steinkohlevorkommen, sowie einer langen handwerklichen und manufakturellen Tradition nimmt es sogar europaweit eine wirtschaftliche Vorreiterrolle ein. Diese Entwicklung wird auch durch das in Sachsen konzentrierte Ingenieurswissen sowie durch das Anwerben ausländischer Ingenieure beschleunigt.

(Aus dem Buch: „Plagwitz. Ein Leipziger Stadtteil im Wandel“, Pro Leipzig, Leipzig, 1999)

Der Maschinen- und der Eisenbahnbau werden führende Industriezweige, bedeutend ist auch der rege Außenhandel. Leipzig ist bereits bekannt als Messestadt. Weitere Branchen sind aber auch erfolgreich. So wird zum Beispiel das gesamte polygrafische Gewerbe stark ausgebaut. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels gründete sich 1825 in Leipzig, was nicht nur die Entwicklung des Handels und der Buchmessen erheblich beschleunigte und in diesem Zusammenhang natürlich auch die Gründung zahlreicher Verlage, sondern eben auch die Ansiedlung der entsprechenden Industriezweige: Die Herstellung von Druckmaschinen, der Buchdruck an sich und die Papierherstellung. Aber auch die Rauchwarenindustrie, das chemische und das künstlerische Gewerbe sind sehr produktiv. Diese Vielseitigkeit in Leipzig ist besonders und erweist sich auch als wirtschaftliche Absicherung in Krisenzeiten.

Der Umweltschutz spielt in diesen Zeiten noch keine Rolle, was auch lange so bleibt. Dies führt zu gesundheitlichen Schäden der Anwohner und Arbeiter, vor allem natürlich in industriell geprägten Stadtvierteln wie Plagwitz. Erst ein Jahrhundert später, nach der Wiedervereinigung, wird es zu größeren Veränderungen kommen. Wer es sich leisten kann baut auf Grundstücken abseits der Fabrikanlagen, in grüneren und weniger dicht besiedelten Gegenden. In Plagwitz sind eher die metallverarbeitenden Betriebe zu finden, zum Beispiel die Firma Unruh & Liebig, welche Handaufzüge und Kranausrüstungen herstellt oder die Firma Rudolph Sack, in der Landmaschinen produziert werden. Sehr bekannt sind natürlich auch die Sächsische Baumwollspinnerei und die Kammgarnspinnerei Stöhr & Co. AG im Bereich Textilien. Letztere ist der größte Industriebetrieb in ganz Leipzig. Die zweitgrößte Brauerei Leipzigs, C. W. Naumann, ist an der Zschocherschen Straße zu finden. Die Großbäckerei der Konsum Genossenschaft backt in Plagwitz die meisten Leipziger Brötchen.

Reklamemarke der Fritz Schulz jun. AG um 1900 (www.veikkos-Archiv.com)

Putzextrakte für den „Globus“:

Die Globuswerke florieren ebenfalls und um 1900 wird die Aktiengesellschaft Fritz Schulz jun. AG mit zwei weiteren Tochterunternehmen in New York und London gegründet. Die Haushaltsprodukte „Globus-Putzextrakt“, „Globus Lederfett“ oder das Bohnerwachs „Globella“ zum Beispiel werden von vielen Deutschen gekauft. Aber auch Insektenvertilgungsmittel wie Mottenkugeln gehören zum Sortiment. Die Familie Philipp ist eine der erfolgreichsten Unternehmerfamilien Leipzigs. Gustav Adolph Philipp wird, wie damals oft üblich, aufgrund seiner wirtschaftlichen Erfolge zum Ritter geadelt.
Seine Söhne, Fritz Gustav Max von Philipp und Dr. rer. nat. Hans Waldemar von Philipp lassen 1910 eine schloss-ähnliche Villa in der heutigen Richard-Lehmann-Straße bauen, die frühere Kaiserin-Augusta-Straße. Heute befindet sich dort in den Parkanlagen ein modernes Polizeirevier. Der historische Zaun und ein Pavillion sind erhalten geblieben und wurden teilweise restauriert.

Aufgrund seiner guten Handelsbeziehungen wird Fritz von Philipp zum Königlich Bulgarischen Generalkonsul ernannt, sein Bruder Hans von Philipp zum Königlich Bayerischen Generalkonsul und Königlich Bayerischen Hofrat. Über ihre kaufmännischen Tätigkeiten hinaus gründen sie einen Verlag, der sich im Verwaltungsgebäude der Firma befindet. Es ist auch die Hochzeit des Imperialismus und des überhöhten Nationalismus in Deutschland und in anderen Ländern. 1914 beginnt der 1. Weltkrieg, an dem 40 Staaten beteiligt sind. Auch viele Leipziger ziehen zuerst begeistert in die Schlacht. In vier Jahren werden insgesamt fast 17 Millionen Menschen sterben. Die Kriegsgegner Großbritannien und U.S.A. beschlagnahmen die Tochterfirmen der Globuswerke. Neben dem Hauptwerk in Leipzig bleibt das Bergwerk in Bayern bestehen sowie eine Beteiligung der Fritz Schulz jun. AG im heutigen Ústi nad Labem (Tschechien), es kommt jedoch trotzdem zu starken Umsatzeinbußen.

Teil 2: „Von Elsterglanz, Techno und Luxuswohnungen.“

Beitragsbild: www.rottenplaces.de

Geheimnisse eines Leipziger Industriedenkmals - Die Globuswerke
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