Auf den Spuren des Stadtfunks Leipzig

Am Anfang stand der 27. September 1945, an dem der Befehl Nummer 78 der Sowjetischen Militäradministration erging. Ziel des Ukas*aus Berlin-Karlshorst war die Schaffung neuer Massenmedien und Strukturen zur “rechtzeitigen und regelmäßigen Versorgung der deutschen Bevölkerung in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands mit politischer Information.”

Lokal ausgerichtet war das Vorhaben zunächst nicht, im Mittelpunkt sollte die Verbreitung des Rundfunksenders Berlin stehen, dazu noch die Übernahme ausgewählter Beiträge von Radio Moskau. Der 1. November 1945 wurde für Leipzig zum Anschlusstag an die neue Radiowelt. Von Anfang an geplant war dabei auch ein sogenannter „Leitungsrundfunk“ über öffentliche Lautsprecher.

Rundfunkstudio im Rathaus
Als die Verwaltungshoheit zunehmend an deutsche Behörden überging, zeigte sich die sächsische Landesregierung interessiert, einen Leipziger Stadtfunk durch die Stadtverwaltung führen zu lassen und erforderliche Mittel bereitzustellen. Im Januar 1950 gab man bei RFT Leipzig, der Herstellervereinigung für Rundfunk- und Fernmeldetechnik, ein „Besprechungsanlage“ genanntes Studio in Auftrag. Die nicht geringen Kosten beliefen sich auf 240.000 Mark.

In der Anfangszeit sendete der Stadtfunk aus dem Raum 312 des Neuen Rathauses sein Agitprop**-Programm. Montags bis freitags sowie sonnabends von 7 bis 22 Uhr strahlte man es an belebten Plätzen in der Stadt und in Betrieben aus. Ferner diente der Sender auch als akustisches Amtsblatt: Zu Veranstaltungen, über die allgemeine Versorgungslage oder die Belieferung mit Lebensmittelkarten informierte man die Bevölkerung. Was heute ausgefallen wirkt, lag im Trend der Zeit. In ausgewählten Schnellzügen unterhielt ein Live-Moderator die Reisenden mit einem Info- und Musik-Programm, in größeren Betrieben informierte ein eigenes Betriebsfunk-Studio zu den Themen der Zeit.

“Stadtfunk Leipzig, es ist 16 Uhr 30”
Der Stadtfunk-Jingle mit dem markanten musikalischen Motiv ‘B-A-C-H’ des Thomaskantors erklang nicht nur werktags, sondern auch zu Festtagen wie dem 1.Mai oder 7.Oktober. Begeisterte Zuhörer fanden sich bei Übertragungen zu sportlichen Großveranstaltungen wie der Friedensfahrt oder den Deutschen Turn- und Sportfesten. Auch die 800-Jahr-Feier Leipzigs im Jahr 1965 bot Anlass für manche Sondersendung.

Lautsprechersäule vom Stadtfunk

Einer der „Tonsäulen“ genannten Stadtfunk-Lautsprecher steht noch immer an der Merseburger Straße in Altlindenau

Etwa 100 der als „Tonsäulen“ bezeichneten Lautsprecher standen zu den besten Zeiten des Stadtfunks auf Plätzen, an Straßenbahnhaltestellen und frequentierten Straßenzügen, auch Taucha und Markkleeberg waren an das Netz angeschlossen. Zum Programm gehörten Nachrichten und aktuelle Meldungen aus dem Stadtgebiet, Veranstaltungstipps, Sportmeldungen und ein Polizeigespräch. Vor dem Wochenende rundete ein Live-Wettergespräch das Angebot ab. Als Prime-Time für die Sendungen erwies sich zumeist der Berufsverkehr.

In den späten 1980er Jahren ließ das Interesse an den öffentlichen Sendungen nach, der Stadtfunk sendete in der Regel nur noch zu drei Terminen an Wochentagen für jeweils etwa 20 Minuten. Die Kommunalwahl am 7. Mai 1989 begleitete der Sender in altbewährter Manier mit Jugend- und Kampfliedern, flankiert von den wiederkehrenden Aufrufen: „Wählt die Kandidaten der nationalen Front!“

Plötzlich im Mittelpunkt
Im Herbst 1989 befand sich der Stadtfunk Leipzig plötzlich inmitten der turbulenten Ereignisse um die politische Wende in der DDR. Anlass war der „Aufruf der Leipziger Sechs“ vor der mit Nervosität und Spannung erwarteten Demonstration am 9. Oktober. Den ursprünglich zum Verlesen bei den Montagsgebeten verfassten Beitrag strahlte man im Nachmittagsprogramm des Senders Leipzig aus. Mit der Ausstrahlung ab 18 Uhr über den Stadtfunk erreichte der Aufruf zum Gewaltverzicht die mehr als 70.000 Demonstranten auf Leipzigs Straßen ebenso wie Ordnungskräfte und Anwohner.

Montagsdemonstration auf dem heutigen Augustusplatz

Mit dem Aufruf der Leipziger Sechs zur Gewaltfreiheit stand der Stadtfunk im Mittelpunkt des Demo-Geschehens

Absender des berühmt gewordenen Aufrufs waren Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur, Pfarrer Zimmermann, Kabarettist Bernd-Lutz Lange sowie Kurt Meyer, Jochen Pommert und Roland Wötzel von der SED-Bezirksleitung. Verlesen wurde der Aufruf von Kurt Masur: „Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. (…) Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.”

Im neuen Alltag angekommen

Mit der politischen Wende rückte der Service-Anteil der Informationen in den Vordergrund. Dennoch kam es zu manchen Diskussionen um das Für und Wieder eines eigenen Stadtfunks in der neu aufgestellten Medienlandschaft. Am Ende sorgten der Hinweis auf die Einmaligkeit in Deutschland sowie ein Machtwort des Leipziger Oberbürgermeisters Lehmann-Grube für den vorläufigen Weiterbetrieb.

Die Sächsische Landesmedienanstalt als Aufsichtsbehörde läutete 1993 schließlich das Ende des Leipziger Stadtfunks ein. Da der Sender die laut Rundfunkstaatsvertrag geforderte Staatsferne nicht erfüllte, konnte in der bestehenden Form keine Lizenz vergeben werden. Die Ausschreibung für einen neuen Eigentümer führte man 1994 durch, unter den drei Bewerbern erhielt der private Rundfunk-Sender Radio Leipzig den Zuschlag.

Das Ende kam schleichend. 1998 standen noch circa 47 Tonsäulen, doch nicht einmal die Hälfte davon war funktionstüchtig. Bauarbeiten als auch Vandalismus beschädigten zahlreiche Leitungswege und Anlagen. Für Reparaturen fehlte das Geld ebenso wie der Wille, das unzeitgemäß gewordene Medium sinnvoll weiterzuführen. Am 18.Oktober 1998 ertönte die letzte Sendung aus den Lautsprechern des Stadtfunks. Noch einmal erlebte der eigenwillige Sender einen Tagesauftritt, als am 9. Oktober 2014 das Onlineradio detektor.fm die Besucher des Leipziger Lichtfestes mit Originaltönen zu historischen Momenten entlang des Innenstadtrings in die Zeiten des Stadtfunks zurückholte.

 

*Als Ukas wurde im zaristischen Rußland ein Erlass des Zaren bezeichnet, später verwendete man den Begriff mit ironischem Unterton für Weisungen „von oben“.
**Agitprop ist eine Zusammensetzung aus Agitation und Propaganda, eine besonders in den 1950er Jahren eine beliebte Form der öffentlichen Einflussnahme.

Tonsäulen auf öffentlichen Plätzen
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